This interview was published in the WZB Mitteilungen Nr. 125 Handeln, Regieren, Regulieren in einer entgrenzten Welt Internationalisierung, September 2009
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John Keane über Elemente und Ursprünge demokratischer Herrschaft
Nach zehnjhriger Arbeit hat John Keane, Forschungsprofessor am WZB, eine großangelegte Biographie der Demokratie vorgelegt. Darin analysiert er Elemente demokratischer Herrschaft seit der Vorantike. Er unterscheidet drei große historische Phasen: die Versammlungsdemokratie, die repräsentative Demokratie und die heutige Form der Demokratie, die er als monitory democracy bezeichnet. Paul Stoop sprach mit John Keane über “The Life and Death of Democracy”, soeben bei Simon & Schuster erschienen.
Stoop: Standen Ihnen die großen Entwicklungslinien schon zu Beginn des Projekts vor Augen?
JK: Am Anfang hatte ich keine genaue Vorstellung von der Gesamtentwicklung. Und im Lauf der Arbeit wurde mir klar, dass eine durchgehende, lineare Geschichte nicht die richtige Darstellungsform wäre. Das Thema erfordert eine offene Erzählung, wie Umberto Eco es formulieren würde, kein geschlossenes Narrativ. Ich sehe dieses Buch eher als etwas, das man als eine Art Kaleidoskop lesen kann, mit vielen Fragmenten, die zusammen betrachtet ein Bild ergeben. Es sollte keine Großtheorie werden, mit der all die komplexen Fragen, die Bedeutungen in Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Demokratie schlüssig beantwortet werden können.
Stoop: Warum haben Sie Abschied genommen von der Idee, Athen sei die Wiege der Demokratie?
JK: Es ist ein veralteter Mythos. Die Forschungsergebnisse der jetzt aktiven Archäologen-Generation widerlegen im Kern den Athen-Mythos, der im 19. Jahrhundert entstand. Seit den 1950er Jahren werden Fortschritte bei der Entschlüsselung der mykenischen Schrift, der Linearschrift B, gemacht. Diese Kultur
aus der Zeit um 1500 v. Chr. enthielt Wörter wie damos und damokoi, dem späteren griechischen demokratia verblüffend ähnlich. Begriff und Idee sind also älter. Noch wichtiger ist die Entdeckung des dänischen Historikers Thorkild Jacobsen, dass es in der Region des heutigen Syrien, Irak und Iran Versammlungen gab.
Stoop: Aber können wir da wirklich von Demokratie sprechen?
JK: In diesen Versammlungen kamen Menschen als Gleiche unter Gleichen zusammen, hoben die Hand oder legten einen Stein in ein Gefäß, um über Krieg, die Bestrafung von Verbrechern oder über Steuerfragen abzustimmen. Was später Demokratie hieß, ist ein Geschenk des Orients, der Städte Syrien-Mesopotamiens. Elemente dessen wurden weitergereicht in die Gegenden des heutigen Pakistan und des Westens Indiens. Durch die Phönizier gelangten sie dann zu den Griechen, die das Geschenk als eigene Erfindung darstellten.
Stoop: Iran, Irak, Pakistan als Stationen auf dem Weg zur Demokratie – ist das nicht ein wenig ironisch?
JK: Ich muss gestehen, dass die Arbeit an diesem Buch von 2001 an in zunehmendem Maße getrieben wurde von der Sorge, dass die Sprache der Demokratie vor allem von einem amerikanischen Präsidenten für Kriegszwecke missbraucht wurde. Das hat Millionen Menschen im Nahen Osten in eine feindliche Haltung getrieben angesichts der Heuchelei des Westens, die sich im Widerspruch von Wort und Tat zeigte. Es war dann ein glücklicher Zufall, die Wurzeln der Demokratie in Syrien, im Iran und Irak zu finden.
Stoop: Es dürfte auch so manchen erstaunen, von der Moschee als “Herz der Zivilgesellschaft” zu lesen.
JK: Unter Demokratie-Historikern und Politikforschern sowie in den Schulbüchern hieß es bisher gleichlautend: Nach dem Ende der athenischen Herrschaft und dem Fall des Römischen Reichs hat sich in Sachen Demokratie tausend Jahre lang nichts getan. Aber das stimmt nicht. Der Geist der Demokratie hat überlebt und wandelte sich. Die Moschee ist ohne Zweifel eine der Formen, in der sich dieser Geist zeigt. Menschen trafen sich dort als Gleiche, Männer und Frauen, für vielfältige Aktivitäten. Sie war ein Markt, auf dem in den frühen Jahrhunderten sogar Wein verkauft wurde. Man kam dort zusammen, wenn man trauerte. Es war ein Ort des Gebets, aber auch der politischen Reden. Muslime haben in den ersten vier Jahrhunderten des Islam auch ein ziviles Leben geführt, auf das sie heute stolz sein können.
Stoop: Wann gab es erste Elemente der zweiten Phase, die Sie die Zeit der repräsentativen Demokratie nennen?
JK: Im Frühling des Jahres 1188 passierte etwas historisch Neues in der spanischen Stadt León: Der junge König Alfons IX, gerade mal 17, rief die drei Stände zu den cortes zusammen: Klerus, Adel und die “guten Männer” der Stadt, die boni homines. Zum ersten Mal tritt eine Vertretung der Bürgerschaft in Erscheinung. Diese Abgesandten meisterten gemeinsam mit dem König eine schwere Krise. Und erarbeiteten bindende Vereinbarungen über Verantwortlichkeiten, Pflichten und
Rechte – eine Generation vor der Magna Carta von 1215.
Stoop: Welches Element war die wichtigste Neuerung?
JK: Zum ersten Mal sehen wir eine Versammlung, in der Vertreter saßen, procuradores. Für so etwas hatten die Griechen noch nicht einmal ein Wort. Dies ermglicht auch legitimes Regieren über eine gewisse Entfernung. Das ist natürlich keine ausgewachsene Demokratie, aber dieses Element wird wichtig. Unter den niederländischen Aufständischen im 16. Jahrhundert gab es Ideen über eine
ausgereifte Bürgerdemokratie auf repräsentativer Grundlage, und am Ende des 18. Jahrhunderts haben wir den Begriff der “repräsentativen Demokratie” als Staatsform. Das Ganze ist ein chaotischer, ungeplanter Prozess mit vielen Elementen, die sich im Laufe der Zeit entwickelten und zu dem gehren, was wir als wertvolle Bestandteile demokratischer Gemeinwesen betrachten: Parlamente, verfassungsgebende Versammlungen, Pressefreiheit, Rechtssicherheit. All diese Elemente haben Vorläufer im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa. Damals waren sie nicht Teil einer erwachsenen Demokratie – und doch immens wichtig für die Demokratiegeschichte.
Stoop: Aber auf alle Zeit gesichert sind doch auch diese tief verwurzelten Bestandteile freiheitlicher Herrschaft nicht. Ihr Buch heißt ja Leben und Tod der Demokratie.
JK: Linearität und Demokratie sind keine Zwillinge, Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte zum Trotz. Eine Welt, die von Menschen gestaltet wird, kennt keine Teleologie, und Errungenschaften können verloren gehen. Die Geschichte Europas wäre sehr viel erfreulicher und wohl auch friedlicher gewesen, wenn es einen unumkehrbaren Fortschritt gäbe. So aber war die Demokratie 1939 so gut wie zerstört, als es nur noch zwei Dutzend Demokratien in der Welt gab. 1941 waren es noch elf, bis es dann 1945 wieder aufwärts ging mit den fairen und freien Wahlen in Uruguay.

