John Keane | Über die Einbettung des Marktes in die globale Zivilgesellschaft
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Über die Einbettung des Marktes in die globale Zivilgesellschaft

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Translated by Philipp Schwertmann for the 2004 Yearbook of the University of Goettingen “Wirtschaft und Zivilgesellschaft”

•  Zivilgesellschaftlicher Purismus

Welche Kräfte treiben heute die Globalisierung der Zivilgesellschaft voran? Viele Aktivisten und einige ihrer intellektuellen Unterstützer lassen keine Zweifel an der richtigen Antwort: Die globale Zivilgesellschaft beweist die Macht autonomer moralischer Wahlmöglichkeit und moralischen Handelns. Sie verweisen auf Meinungsumfragen, die viel stärkere Unterstützung für NGOs wie dem WWF und Amnesty International anzeigen, als für Regierungen, Großkapital und Medien.

Sie verweisen auch auf bahnbrechende Initiativen, wie die Kampagnen von Greenpeace International und den Rainbow Warriors Mitte der 1980er, um die französischen Behörden auf Tahiti zu zwingen, das Anlegen von Greenpeace-Schiffen zu erlauben oder die Boykotte von Tropenholz in den 1990ern, die von Gruppen wie den Friends of the Earth global organisiert wurden. Dieselben Aktivisten und Sympathisanten sehen zusätzliche Beweise für ihre Einschätzung in den „Modell-Organisationen“ der globalen Zivilgesellschaft: transnationale, nicht-staatliche Advocacy-Organisationen (TANGOs) wie dem World-Wide Fund for Nature (4,7 Millionen Mitglieder, die in 31 Ländern operieren, zwölf davon auf der südlichen Halbkugel), Friends of the Earth (eine Million Mitglieder in 56 Ländern, 23 im Süden) und eine der ersten derartigen globalen Organisationen: Amnesty International. Diese Organisation ist das geistige Kind eines jungen englischen Rechtsanwalts aus den frühen 1960ern, Peter Benenson, der die Grundziele ersann und erste Strategien improvisierte, anfangs in der Form eines Zeitungsaufrufs „The Forgotten Prisoners“. Amnesty war dabei Vorreiter, auf globaler Ebene Fälle von Folter und politischer Unterdrückung gegen Personen und Gruppen publik zu machen, ganz gleich in welchem Land oder welcher Region der Erde. Das Ideal von Amnesty ging ursprünglich davon aus, dass Öffentlichkeit, einschließlich des Auftritts von Celebrities und durch Briefkampagnen, dem Ruf von Tyrannen, Diktatoren und Folterern durch geduldige, aber beharrliche Aktionen schaden könne und dem aushöhlenden Tropfen von Wasser auf einem Stein ähnelten. Die Kampagnen zeigten einen festen Glauben an die Wichtigkeit von unvoreingenommenen Experten, an die Macht der Recherche von Fakten und die Unabhängigkeit von Regierungen und Parteien. Die Kampagnen gingen ebenfalls davon aus, dass die Achtung vor guten Gesetzen zivilisierende Wirkungen hat, dass es möglich ist zu handeln, als ob lebensfähige globale Gesetze schon existierten und es so außerdem möglich ist, Menschenrechtsnormen zu schaffen, indem (in Partnerschaft mit Institutionen wie den Vereinten Nationen) neue Gesetze still und leise in Stellung gebracht werden und so allmählich globale Verhaltensstandards Form annehmen, welche die Hybris staatlicher Macht zähmen. Die Initiative funktionierte offensichtlich, und Amnesty International entwickelte sich zu einer weltweiten, hoch vernetzten Aktion mit mehr als 1,1 Millionen Mitgliedern, Unterzeichnern und regelmäßigen Spendern, die in mehr als 150 Ländern tätig ist, darunter Tausende von lokalen Einheiten in mehr als 80 Ländern in Afrika, Amerika, dem Nahen Osten, Europa und Asien und dem pazifischen Raum .

Verfechter des Ideals einer globalen Zivilgesellschaft verwenden solche Beispiele, um zu zeigen, dass diese Gesellschaft von Phantasie und Kühnheit lebt – dass sie das Kind ist von Männern und Frauen, die das weltverändernde Potential von nonprofit- und nicht-staatlicher Aktion erfahren haben. Diese Aktivisten und ihre Anhänger betrachten sich als Antwort auf die „space-like coldness of globalisation“ (Peter Schneider), bestehend aus den Stimmen, dem Gelächter, den Hoffnungen und Tränen menschlicher Gesichter. Sie schöpfen Inspiration aus den großen Demonstrationen und kühnen bürgerlichen Initiativen, die in den 1990ern alltäglich wurden. Für viele dieser Aktivisten (und für staatliche Überwachungsorganisationen ) waren die Proteste, die in Seattle die Tagung der WTO im Dezember 1999 begleiteten, hoch bedeutungsvoll. Die Proteste unterbrachen nicht nur respektlos die Tagung, nachdem mehr als 50.000 Demonstranten Blockaden errichteten und öffentlich transnationale Gesellschaften, „corporate censorship“ (Klein 2000) und globales Konsumverhalten kritisierten. Die Proteste brachten nicht nur mehr spezifische globale Sorgen zum Vorschein wie den Schutz von Regenwäldern, Arbeitsplatzverlust, den Bedarf nach preiswerteren AIDS-Medikamenten, nach Verboten für genetisch veränderte (GM) Nahrung und Sorgen um die Zerstörung von Biodiversität, symbolisiert durch das Sterben von Schildkröten, gefangen in kommerziellen Garnelenfangnetzen. Vielmehr signalisierten die Proteste in Seattle, so behaupten viele Aktivisten, etwas Größeres: die Geburt einer „Antiglobalisierungsbewegung“.

Die Neuheit und historische Bedeutung der battle for Seattle -Proteste mögen übertrieben sein, aber es gibt keinen Zweifel daran, dass die Aktivisten der globalen Zivilgesellschaft in einem Punkt Recht haben: Proteste dieser Art sind symptomatisch für die Wiedergeburt zivilen Handelns, das dazu tendiert, in globale soziale Bewegungen auszuwachsen . Diese Bewegungen sollte man sich nicht als (sich vereinigende) große Weltbewegung vorstellen. Es gibt in der Tat eine große Vielfalt solcher Bewegungen, deren Aktivisten sich darauf spezialisieren, ihre Erfahrungen publik zu machen und ihre Fertigkeiten für Kampagnen vor allem in so unterschiedlichen Politikbereichen anzuwenden wie Geschlechterpolitik, Handelsgesetzen, Religiosität, der Macht von Unternehmen, Nachkriegswiederaufbau, sauberes Wasser, Bildung und Menschenrechte. Die Ziele dieser Bewegungen sind gleichermaßen variabel: Sie zielen auf ein ganzes Spektrum von Opponenten und potentiellen Verbündeten, von lokalen Institutionen, die global wirken, bis zu globalen Institutionen, die lokal wirken. Das Spektrum politischer Loyalitäten innerhalb dieser Bewegungen ist ebenfalls sehr breit, es erstreckt sich von tiefgrünen Ökologen bis zu christlichen Pazifisten, Sozialdemokraten, moslemischen Aktivisten, buddhistisch Meditierenden und Anarchosyndikalisten. Die Teilnehmer sind, entgegen vorherrschenden Stereotypen, nicht alles reiche, bürgerliche Kinder aus dem Norden. Aktivisten aus dem Süden oder der „Dritten Welt“ – eine „Zombiephrase“, die so ideologisch geladen und gegenstandslos geworden ist, dass sie verdient, aus der Sprache der globalen Zivilgesellschaft verbannt zu werden – gewinnen stark an Bedeutung. Die Innenarchitektur dieser Bewegungen ist komplex und von einer variablen Geometrie gezeichnet. Die meisten ihrer Sympathisanten und Anhänger sind nur einen Teil ihrer Zeit für sie tätig. Ganztagsaktivisten und bezahlte Kräfte sind deutlich in der Minderheit innerhalb von Bewegungen, die keinen allgemein anerkannten Sprecher, Leiter oder kein allgemein anerkanntes Sekretariat haben. Daher sprechen sie nicht mit einer Stimme und vertreten nicht einen gemeinsamen Standpunkt.

Es ist wahr, dass organisierter öffentlicher Protest in manchen Augenblicken Einheit vortäuscht : Zum Beispiel die zukunftsweisende öffentliche Versammlung von 80.000 Menschen 1988 in Berlin, wo die Vertreter der Weltbank und des IMF tagten (Gerhards 1993); im Intercontinental Caravan 99, einer Tour durch Nordamerika und Europa von fast 400 Aktivisten aus Nepal, Indien, Mexiko, Bangladesch und Brasilien, die für Fischer und Landwirte kämpften, die durch das aggressive Marketing von Pestiziden, durch genmanipulierte Saat und neoliberale Politiken bedroht sind; im erfolgreichen Bündnis zwischen dem Uganda Debt Network und der Jubilee 2000-Kampagne für Schuldenerlass (Collins 2001); und in der bemerkenswert disziplinierten und friedlichen Versammlung von 500.000 Demonstranten in Barcelona während eines EU-Gipfels im Frühjahr 2002. Solche Einheit ist außergewöhnlich und mobilisiert : Sie basiert immer auf Monaten oder sogar Jahren intensiver Planung, Besprechungen, Seminaren und Fortbildung. Und in jedem Fall schöpft diese Einheit aus Bewegungen mit stark dezentralisierten, sich stets entwickelnden, kaleidoskopischen Strukturen . Die Aktionen der globalen Zivilgesellschaft umfassen eine Vielfalt sich überschneidender Formen: persönliche Begegnungen, spinnwebenartige Netzwerke, pyramidenförmige Organisationen, Strukturen mit Nabe und Speichen, Brücken und organisatorische Ketten, charismatische Persönlichkeiten. Aktionen finden auf mehreren Ebenen statt – von der mikro-lokalen zur makro-globalen. Manchmal schaffen Bewegungsorganisationen vertikale Bündnisse zum Zweck von Kommunikation und Synchronisierung. Die bekannten zentralen Organisationen dieser Bewegungen – das Global Action Project, Earthwatch, WEED (World Economy, Ecology and Development) und Jubilee 2000 – haben ein bemerkenswertes Bewusstsein für den Bedarf nach einer Balance zwischen gemeinsamen und partikularen Anliegen, die mittels einer Vielfalt von dezentralen, nicht-hierarchischen, dennoch koordinierten Initiativen zu schaffen ist. Indem sie moderne Kommunikationsmittel verwenden – wie die mexikanischen Zapatisten, die für ihre globale Kampagne für Menschenrechte auf das Internet bauten – sind diese zentralen Organisationen normalerweise horizontal und nach allen Seiten in Kontakt mit vielen anderen Initiativen und Gruppen, die selbst wiederum in Kontakt mit anderen Initiativen, Gruppen und Personen stehen. Manchmal sind bewusste Bemühungen, ein Netzwerk von Netzwerken zu schaffen, entscheidend für den Erfolg der Kampagne, wie beispielsweise in der globalen Kampagne gegen Landminen (Scott 2001). Weil die sozialen Bewegungen der globalen Zivilgesellschaft ohne Kopf und hochkomplex sind, konzentrieren sich einige Organisationen auf die Aufgabe, die selbstbewusste Hingabe der Bewegungen zu unterstützen, sich zu einem vernetzten und koordinierten Pluralismus zu intensivieren. Sie spezialisieren sich darauf, das Medium und nicht nur die Nachricht dadurch zu verbreiten, indem sie andere ermutigen, die Techniken teilnehmender Forschung, hoch entwickelter Politikanalyse und fortlaufenden organisatorischen Lernens anzuwenden. Die Peoples Global Action, gegründet im Februar 1998 in Genf, versucht, wie „eine weltweite Koordinierung des Widerstands gegen den globalen Markt, ein neues Bündnis von Kampf und gegenseitiger Unterstützung“ zu funktionieren; es sieht sich als einen sozialen Katalysator, um so unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen, beispielsweise den Ogoni-Stamm in Nigeria, die Frente Zapatista in Mexiko und die Sem Terra, eine Organisation landloser brasilianischer Bauern. Die Vereinigung zur Besteuerung der Finanztransaktionen für den Nutzen der Bürger (ATTAC) versteht sich ebenso als eine globale Plattform für Pluralismus, um die Forderung nach der Besteuerung von Börsengeschäften zu unterstützen . Und an der vordersten Front der Aktionen betreiben vernetzte, halbprofessionelle Gruppen wie die Wombles und die Ruckus Society Einrichtungen für die Ausbildung von Gruppen und Personen in den Künsten gewaltloser direkter Aktion und in zivilem Ungehorsam .

Obwohl diese verschiedenen Bemühungen, sich selbst zu organisieren, die Heterogenität der Bewegungen nicht überwinden (und dies auch nicht können), ist es wichtig zu sehen, dass sie mehr als ihre variable Architektur gemein haben. Sie zeichnen sich durch eine grenzüberschreitende Mentalität aus. Es ist höchst irreführend, sie als „Antiglobalisierungsbewegungen“ zu bezeichnen, weil jede Bewegung die Form von Verbindungen und Ketten nicht-staatlicher Solidarität und des Kampfes annimmt, die gewaltige Räume umspannen, die um die ganze Erde reichen. Ihre Mitwirkenden, von denen die meisten Teilzeitsympathisanten und nicht Ganztagsaktivisten sind, sehen ihre Sorgen nicht auf eine strikt begrenzte Gemeinschaft oder einen Ort beschränkt. Sie sind davon überzeugt, dass toxische Chemikalien, Menschenrechte, Schuldentlastung und Mitleid mit jenen, deren Würde verletzt worden ist, keine Grenzen kennt. Für sie ist die Welt eine Welt. Also bilden sie ihre Identitäten und machen ihre Sorgen in „Translokalitäten“ (vgl. Appadurai 1995) publik, als ob sie globale Bürger wären. Sie verstehen sich als Begründer grenzüberschreitender Kooperation auf einer Vielfalt von Wegen mit einer Vielfalt von potentiellen Anhängern und mit einer Vielfalt gemeinsamer Ziele. Das schließt die Versuche ein, die Notbremse zu ziehen (wie in den Fällen antinuklearen Protests und des Schulderlasses) und positive soziale Änderungen in den Leben von Frauen und Männern zu bewirken, egal wo sie leben. Ein dauerhaftes Symbol der Energie und der Vision dieser Bewegungen ist die vierte Weltfrauenkonferenz in Peking 1995, an der fast 35.000 NGOs teilnahmen: Im Namen inklusiver Formen der Globalisierung nutzen Bewegungsaktivisten globale Kommunikationsnetze, teilen technische und strategische Information, koordinieren gleichzeitige Aktivitäten und planen gemeinsame Aktionen oft durch Ausüben direkten Drucks auf staatliche Institutionen und Firmen im Halogenschein der Reklame und riskieren dabei Tränengas, Gummiknüppel, Kugeln und Disziplinarverfahren.

In diesen globalen Bewegungen, inklusive des von ihnen ausgelösten Medienspektakels, vermengen die Aktivisten empirische Behauptungen, normative Visionen und strategische Sorgen: Auch wenn „Globalisierung“ im Namen von „Selbstgenügsamkeit“ odersouverainisme verwendet wird, oder um zum „Lokalen“ zurückzukehren (man beachte den performativen Widerspruch), wird die vorhandene globale Zivilgesellschaft als eine gute Sache angesehen. Es wird für nötig gehalten, sie militant zu verteidigen, zum Beispiel durch Aktionen, die vor den Füßen globaler Institutionen stattfinden und vor den Augen und Ohren der Medien. Die Berechnungen der Aktivisten greifen bisweilen implizit auf wissenschaftliche Definitionen der Zivilgesellschaft zurück. Sie beginnen mit einem Bild von Zivilgesellschaft, das stark durch Freiwilligkeit geprägt ist als einer „öffentlichen ethisch-politischen Gemeinschaft“, die auf einem gemeinsamen Ethos begründet ist. Oder sie verstehen die Zivilgesellschaft als „an intermediateassociational realm between state and family, populated by organisations enjoying some autonomy in relation to the state and formed voluntarily by members of society to protect their interests or values“ (Cohen/Arato 1992: 84; White 1994: 6 [Hervorhebung J.K.]). Die globale Zivilgesellschaft wird als ein autonomer sozialer Raum gesehen, in dem Personen, Gruppen und Bewegungen sich weltweit wirksam organisieren und vorgehen können, um vorhandene Machtverhältnisse, besonders jene des Großkapitals, aufzulösen und zu verwandeln. Diese Gesellschaft wird begriffen als „eine Art universalisierender Gemeinschaft“, die geprägt ist durch „öffentliche Meinung“, kulturelle Codes und Schilderungen in einer „demokratischen Sprache und interagierenden Praxis wie Zivilität, Gleichheit, Kritik und Achtung“ (Alexander 1998: 7).

Einige Typen von Aktivisten, die dieser puristischen Theorie von Zivilgesellschaft anhängen, treten in Gramscis Fußstapfen, oft ohne es zu wissen. Sie definieren die globale Zivilgesellschaft sehr eng, nämlich als den nicht-ökonomischen Raum sozialer Interaktion „zwischen der Familie, dem Staat und dem Markt, der über die Grenzen von nationalen Gesellschaften, Gemeinwesen und Wirtschaften funktioniert“ . Wissenschaftliche Befürworter solcher Definitionen tendieren dazu, vorsichtiger zu sein. Sie beeilen sich hinzuzufügen, dass, da das Konzept normativ konnotiert ist, jeder Versuch, es zu „operationalisieren“, riskant ist, da im Grunde genommen der Begriff selbst „zu sehr angefochten“ wird (Anheier 2001: 221ff.). Sie vermitteln den Eindruck, dass die globale Zivilgesellschaft ein lose gesponnenes Netz ist, das verwendet werden kann, um verschiedene Fische zu fangen – so lang sich die Fischerei auf nicht-staatliche und nicht gewinnwirtschaftliche Teiche beschränkt. Dies ist nicht aufrichtig, da die Definition, die vorgeschlagen wird, eine identifizierbare normative Ausrichtung hat. Sie setzt stillschweigend voraus, dass eine eng definierte globale Zivilgesellschaft ein unbeschränktes Gut ist, weil sie alle Arten von bürgerschaftlichen Gruppen, soziale Bewegungen und Personen beheimatet, „die sich international, national und lokal im Dialog, in der Debatte, der Konfrontation und der Verhandlung miteinander und mit verschiedenen staatlichen Akteuren wie auch der Geschäftswelt engagieren“ (Anheier 2001: 4).

Andere Wissenschaftler, besonders jene, die ein Auge auf das politische Potenzial des Konzepts gerichtet haben, sprechen offener von der globalen Zivilgesellschaft mit all ihren verschwommenen Selbstbildern und Mehrdeutigkeiten als einer dynamischen Sphäre von grenzüberschreitenden Beziehungen und Aktivitäten, die den Abstand halten von Staat und Markt. Die globale Zivilgesellschaft ist eine treibende Kraft für eine „Globalisierung von unten“. Sie ist potentiell die Verfechterin von vielen geteilten Werten für eine Weltordnung: Gewalt zu reduzieren, ökonomisches Wohl zu maximieren, soziale und politische Gerechtigkeit zu realisieren und Umweltqualität zu wahren (Falk 1999: 130). Andere radikale Verfechter der globalen Zivilgesellschaft gehen noch weiter in ihrer Unterstützung des politischen Potenzials. Diese Puristen einer Zivilgesellschaft sprechen ziemlich romantisch von der globalen Zivilgesellschaft als dem Reich tatsächlicher oder potentieller Freiheit, als einem „Dritten Sektor“, welcher der unpersönlichen Macht der Regierung und dem habgierigen Profitdenken des Markts entgegengesetzt ist (Haushalte verschwinden an dieser Stelle normalerweise aus der Analyse). „Zivilgesellschaft partizipiert parallel zu Staat und Institutionen des Marktes, anstatt sie zu ersetzen“, schreiben Naidoo und Tandon. Die globale Zivilgesellschaft ist ein Netzwerk autonomer Assoziationen, das mit Rechten und Verantwortung ausgestattete Bürger erschafft, um gemeinsame Probleme anzugehen, geteilte Interessen voranzubringen und für kollektive Ziele zu werben (Naidoo/Tandon 1999: 6f.) . Ein anderer Wissenschaftler wiederholt den selben Aspekt: „Global civil society, like its domestic counterpart, is that domain in which people voluntarily associate to express themselves and pursue various non-economic aims in common, and it is in the practice of such association that one can look for progressive political activity“ (Wagner 2000: 261f).

Manchmal dienen große historische Thesen der Verteidigung dieses angeblich „nicht-ökonomischen“ Sektors. In den letzten Jahren gab es Verweise auf eine „global associational revolution that may prove to be as significant to the latter 20th century as the rise of the nation-state was to the latter 19th century“ . Und manchmal führt zivilgesellschaftlicher Purismus zu Extremen, zu der Forderung nach einer Revolution gegen kapitalistische Vorherrschaft, wie im intellektuellen Neo-Kommunismus von Hardts und Negris BuchEmpire (Hardt/Negri 2000: v.a. xiii-xv, 25, 312f, 326ff., 406ff.; Hardt 1995: 27ff.) . Es stellt – mit der Hilfe von Marx und Foucault und irgendeiner schnellfingerigen theoretischen Hexerei – eine starke Kontinuität her zwischen den heutigen globalen Protesten und den kommunistischen Revolutionen von 1917 und 1949, den antifaschistischen Kämpfen der 1930er und 1940er und all den Befreiungskämpfen von den 1960ern bis 1989. Ein neues politisches Subjekt, ein revolutionärer Riese erhitzt heute die Gemüter, mehrfach als „eine aufständische Masse“ bezeichnet, als „das globale Volk“ oder als „ein neues Proletariat“. Es erschüttert die Grundfeste der Weltordnung, des neuen „Imperiums“, das von der alleinigen Logik von Produktion und Tausch dominiert wird und der manipulativen Regierung des biosozialen Bereichs (der „Produktion der Subjektivität“) in globalisierter Form. Das heutige Weltimperium zerstört wirksam die Zivilgesellschaft, so wird behauptet. „In the postmodernization of the global economy, the creation of wealth tends ever more toward what we will call biopolitical production, the production of social life itself, in which the economic, the political, and the cultural increasingly overlap and invest one another.” Doch das Verschwinden von Zivilgesellschaften in moderner Form – das Verschwinden der Grenzen zwischen Regierung und der Gesellschaft, dem Nationalen und dem Globalen – produziert allgemeinen Widerstand gegen die imperiale Maschinerie. Hardt und Negri nennen ihn die globale Zivilgesellschaft. „Civil society is absorbed in the state, but the consequence of this is an explosion of the elements that were previously coordinated and mediated in civil society. Resistances are no longer marginal but active in the center of a society that opens up in networks; the individual points are singularised in a thousand plateaus.“ Diese globale Zivilgesellschaft ist zweifellos eine Kraft, „autonomously constructing a counter-Empire, an alternative political organization of global flows and exchanges“. Aber nach Hardt und Negri ist die globale Zivilgesellschaft kein Selbstzweck. Sie ist ein vorübergehendes, vergängliches Phänomen. Es wird vom Gespenst des Kommunismus heimgesucht: eine zukünftige soziale Ordnung, die nicht von der Aufteilung zwischen Regierung und der Zivilgesellschaft gekennzeichnet ist, eine Ordnung, in welcher die „irrepressible lightness and joy of being communist“, also nach den revolutionären Werten von Liebe, Kooperation, Einfachheit und Unschuld zu leben, dieses Mal auf einer globalen Ebene triumphiert.

•  Turbokapitalismus

Solche puristischen Bilder reduzieren die tatsächlich vorhandene globale Zivilgesellschaft auf Kampagnenstrategien, die vor das normative Ideal der Autonomie der Bürger auf globaler Ebene gespannt sind. Das wiederum vermittelt (in einigen Gegenden) den unglücklichen Eindruck, dass die globale Zivilgesellschaft ein (potentiell) einheitliches Subjekt ist, eine „Dritte Gewalt“ , so etwas wie ein Weltproletariat in Zivilkleidung, das universelle Objekt-Subjekt, das seine Ketten zerreißen und die Vorstellung von einem „Weltbündnis für Bürgerbeteiligung“ (Tandon 1999: 5) Wirklichkeit werden lassen kann und damit das Unrecht der Welt zurechtrückt. Obwohl viele Dinge für und gegen diese Konzipierungen angeführt werden können, lohnt es sich, an dieser Stelle ihre Gramscianische Ausrichtung zu beachten. Sie zieht eine dicke Linie zwischen dem (schlechten) von der Regierung gestützten Business und (guten) freiwilligen Verbänden. „Wir sind Menschen, nicht ein Markt, und unsere Welt ist nicht zu verkaufen“, sagen die Puristen, und dies führt dazu, dass sie den überdeterminierten Charakter der globalen Zivilgesellschaft untertreiben.

„Solidarity and compassion for the fate and well-being of others, including unknown, distant others, a sense of personal responsibility and reliance on one’s own initiative to do the right thing; the impulse toward altruistic giving and sharing; the refusal of inequality, violence, and oppression” (Darcey de Oliveira/Tandon 1994: 2f.) sind zweifellos zentrale, sogar unentbehrliche Motive bei der Globalisierung von Zivilgesellschaft. Aber eine einseitige Betonung der freien zivilen Wahlmöglichkeiten von Männern und Frauen verdeckt andere planetarische Kräfte, die ihre Taten gegenwärtig begrenzen und ermöglichen.

Marktkräfte oder das, was hier „Turbokapitalismus“ genannt wird, gehören zu den hauptsächlichen Kraftquellen der globalen Zivilgesellschaft. Um zu verstehen, wie und warum dies so ist, und um zu verstehen, was der Ausdruck „Turbokapitalismus“ bedeutet, müssen wir unsere Aufmerksamkeit zurück auf das so genannte System des Keynesianischen Wohlfahrtsstaatskapitalismus wenden, das im Westen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dominierte. Etwa drei Jahrzehnte danach bewegten sich markt-kapitalistische Ökonomien wie die Vereinigten Staaten, Schweden, Japan, die Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien in Richtung eines durch die Regierung regulierten Kapitalismus. In Bezug auf die Produktion von Waren und Dienstleistungen waren Firmen, Werke und ganze Industrien sehr stark nationale Phänomene; erleichtert durch den internationalen Handel von Rohstoffen und Nahrungsmitteln war die Produktion in erster Linie innerhalbterritorial gebundener nationaler Wirtschaften oder Teilen von ihnen organisiert. Märkte wurden in von Regierungen gesponnene Netzeeingebettet (Boyer/Hollingsworth 1997; Hobsbawm 1979: 313).

So waren zum Beispiel private Investitionen während der Ära des Keynesianischen Wohlfahrtsstaatskapitalismus staatlichen Einschränkungen unterworfen. Ganze Investitionsbereiche wurden als „strategisch“ für die allgemeine Wirtschaft betrachtet, wie Fluggesellschaften, Eisenbahnen und Eisen und Stahl, und wurden wirksam von Marktkräften abgeschirmt entweder durch Nationalisierung oder durch eine Unmenge von Regeln und Bestimmungen wie Subventionen, Steuervergünstigungen oder „matching funds“. Krankenhäuser, Schulen, die soziale Vorsorge und andere Formen der Sozialpolitik wurden auch weithin als marktferne Institutionen geführt. Geopolitisch gesehen war der Keynesianische Wohlfahrtsstaatskapitalismus zwei Arten von politischen Grenzen unterworfen. Große Teile der Erde, vornehmlich der sozialistische Block, der von Regimes sowjetischen Typs dominiert wurde, waren verbotene Zonen für den privaten Kapitalismus. Zur selben Zeit waren internationaler Handel und Investitionen innerhalb des westlichen Blocks einer Unmenge von staatlich induzierten Regeln und zwischenstaatlichen Bestimmungen unterworfen . Besonders ab der Bretton Woods-Vereinbarung (1944) halfen drei größere Institutionen sicherzustellen, dass sich internationale Finanzen und Handel um die amerikanische Wirtschaft (die unbeschadet aus dem Krieg hervorgegangen war) und ihre Währung drehten. Der Internationale Währungsfonds (IMF), der Regeln für Währungen und weltweite Zahlungen setzt, sollte die internationale monetäre Kooperation unter den Staaten ermutigen. Die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD, später in Weltbank umbenannt) hatte zum Ziel, für die Kapitalanlage anfangs in Europa und später in weniger entwickelten Volkswirtschaften zu werben. Und der General Agreement on Tariffs and Trade (GATT), bekämpfte den früheren „beggar-thy-neighbour“-Protektionismus durch Werben für freien Handel, indem er Preisbarrieren beseitigte und dies durch andauernde multilaterale Verhandlungen überwachte wie die „Kennedy Runde“ während der 1960er und die „Tokio Runde“ in den 1970ern.

In der Ära des Turbokapitalismus jedoch wird innerhalb der Zivilgesellschaft für die radikale Transformation des Regulierungssystems der Territorialstaaten Druck aufgebaut. Indem sie die neue Welt digitaler Kommunikation ausnutzen, reagieren Marktinstitutionen und -akteure allergisch auf staatliche Bestimmungen, insbesondere solche, von denen einengende und egalitäre soziale Wirkungen erwartet werden. Märkte tendieren dazu,entbettet zu sein: Sie verabschieden sich von sozialen Verpflichtungen und befreien sich aus der territorialen Kontrolle der Regierungen. Wo immer eine turbokapitalistische Wirtschaft die Oberhand gewinnt, gedeiht sie bei weniger Regulierung der Kapitalflüsse, der Deregulierung von Arbeitsmärkten und bei Kürzungen von Sozialleistungen. Turbokapitalismus ist eine Art privates Unternehmen, das vom Wunsch nach Emanzipation von sozialen Gebräuchen, territorialer Staatseinmischung, Steuerbeschränkungen, der Sturheit von Gewerkschaften und allen anderen externen Einschränkungen des freien Flusses des Kapitals auf der Suche nach Gewinn motiviert ist. Turbokapitalismus tritt gegen das so genannte „Gesetz“ vom sich ausdehnenden öffentlichen Sektor an, das im 19. Jahrhundert vom Wirtschaftswissenschaftler Adolph Wagner formuliert wurde (Wagner 1863). Seine Befürworter dringen auf ein neues globales Regulierungssystem für Deregulierung oder eine geringere und flexiblere Regulierung auf globaler Ebene (Kahler 1995, v.a. Kap. 2).

In den letzten Jahrzehnten hat die Welt begonnen, nach dieser Pfeife zu tanzen. Das Geschäft ist nicht mehr ausschließlich „hausgemacht“, um Keynes’ berühmten Ausdruck zu verwenden. Die transnationalen Aktivitäten von etwa 300 tonangebenden Unternehmen, Banken, Accountancies, der Automobilindustrie, Fluggesellschaften, Kommunikationsindustrie und Waffenproduktionen – ihre gemeinsamen Vermögenswerte machen grob ein Viertel der weltweiten produktiven Vermögenswerte aus (Barnet/Cavanagh 1995: 15) – sind nicht mehr Produktions- und Lieferaktivitäten für national verortete Hauptquartiere. Indem sie die Grenzen von Zeit und Ort, von Sprachen und Sitten überwinden, sind sie statt dessen komplexe globale Flüsse oder integrierte Netzwerke von Mitarbeitern, Geld, Information, Rohstoffen, Komponenten und Produkten. Derselbe Trend ist in kleineren Firmen offensichtlich. Ein globales Register Ende der 1970er listete mehr als 9.000 Firmen auf, die außerhalb ihrer eigenen Heimatländer aktiv waren; zusammen haben diese Firmen mehr als 34.000 kleinere Tochtergesellschaften überall auf der Welt. Bis 1997 gab es etwa 53.000 transnationale Gesellschaften mit weltweit 450.000 ausländischen Tochtergesellschaften. Sie umfassen die wichtigsten Wirtschaftsregionen der Welt in praktisch jedem Sektor – von Finanzen, Rohstoffen und Landwirtschaft bis zu Herstellung und Dienstleistungen – und schlossen Felder wie „Telefonverkäufe“ ein (welches in Europa allein eineinhalb Millionteleworkers beschäftigt, die elektronisch mit der Außenwelt verbunden sind). Indem sie Waren und Dienstleistungen im Wert von etwa 9,5 Trillionen US-$ verkaufen, machten diese transnationalen Unternehmen 70 Prozent des Welthandels und etwa 20 Prozent der gesamten Produktion der Welt aus .

Zugegebenermaßen, der Grad, zu welchem turbokapitalistische Firmen wie grenzzerstörende Ungetüme global arbeiten, sollte nicht übertrieben werden. Turbokapitalismus ruft nicht nur starken Druck nach einer Neuregelung auf globaler Ebene hervor; er hat auch eine klare geographische Ausrichtung. Seine Basis sind die OECD-Länder, und das Kapital, die Technologie und die Handelsflüsse, die er bewirkt, tendieren dazu, dauerhaft innerhalb von Europa, der asiatisch-pazifischen und der amerikanischen NAFTA-Region konzentriert zu sein, jedoch nicht zwischen diesen Regionen (Hirst/Thompson 1999). Turbokapitalistische Ökonomie hat jedoch klare globalisierende Wirkungen, wo immer sie die Oberhand gewinnt. Sie führt zu rapiden Zunahmen profitorientierter Joint Ventures und gemeinsamer Produktion, der Lizenzvergabe und Untervergabe-Vereinbarungen zwischen lokalen, regionalen und globalen Firmen. Die Handelsverhandlungen, die auf globaler und regionaler Ebene während der 1980er und 1990er begonnen wurden, manifestieren die Verbreitung dieser neuen – aggressiveren, genuin grenzüberwindenden – Form des Kapitalismus in alle Ecken der Erde. Regionale Maßnahmen wie das nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) haben Versuche ergänzt, Hindernisse für Investition auf globaler Ebene zu beseitigen, besonders durch die Abteilung „trade-related investment measures“ (TRIMs) der WTO und die vorgeschlagene – höchst umstrittene – multilaterale Vereinbarung über Investitionen (MAI), die alle verbliebenen Einschränkungen der Investition wirksam beseitigen würden.

Was (wenn überhaupt) ist also neu an diesem System des Turbokapitalismus? Wie trägt es (wenn überhaupt) zum gegenwärtigen Wachstum der globalen Zivilgesellschaft bei? Die offensichtlichste Tatsache ist, dass moderne kapitalistische Unternehmen zum ersten Mal das Recht haben, unbegrenzt umherzustreifen. Unterstützt von Handels- und Investitionsliberalisierung und radikalen Verbesserungen des Transports und der Kommunikationstechniken können sie Geschäfte in aller Welt machen. Die Ausnahmen Nordkorea, Südsudan und Burma bestätigen die Regel, besonders seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Anfang des chinesischen Experiments staatsgesteuerter Marktreformen. Der alte Witz, dass Sozialismus eine historische Periode war, die Kapitalismus mit dem Kapitalismus verbindet, muss abgeändert werden. Der sowjetische Sozialismus, eine Reaktion auf den letzten großen Wachstumsschub der Globalisierung, stellt sich als ein kurzes Interregnum heraus, das sich zwischen staatsorganisiertem und dem heutigen globalen Kapitalismus erstreckt. Der unbeschwerte Witz enthält eine grausame Wahrheit: Turbokapitalismus trägt zu der Kompression von Zeit und Raum bei und profitiert davon bis zu dem Punkt, wo die Welt beginnt, einem riesigen Marktplatz zu ähneln, auf dem alles – die Natur, die Menschen, ihre Werkzeuge und Produkte, sogar ihre Geschmäcker und ihre libidinösen Wünsche – potentiell als Ware zum Verkauf auf globaler Ebene behandelt werden kann. Einige Wirtschaftswissenschaftler beschreiben diesen Trend in Bezug auf die historische Entwicklung von globalen Warenketten : geographisch auseinanderliegende, jedoch durch Transaktionen verbundene Sequenzen von Funktionen, in denen jede Phase dem allgemeinen weltweiten Prozess der Produktion von Waren oder Dienstleistungen Marktwert hinzufügt (v.a. Gereffì 1996: 427ff.; Gereffi/Korzeniewicz 1994, v.a. Kap. 5).

Die Ketten von Warenproduktion und -austausch, die gegenwärtig die Erde umziehen, sind natürlich nur Trends, wenn auch tief verwurzelte. Es ist wichtig zu begreifen, dass sie hoch komplex und unterschiedlich entwickelt sind. Die Gegensätze zur Vergangenheit sind deutlicher als die Unterschiede in der Gegenwart. Als Adam Smith die „Arbeitsteilung“ innerhalb der sich entwickelnden Zivilgesellschaften in den Ländern um den Atlantik analysierte, hatten seine Referenzen für die Spezialisierung von Arbeitern innerhalb der verschiedenen Teile des Produktionsprozesses keine bestimmten geographischen Konnotationen. Er konnte davon ausgehen, dass Industrien und Dienstleistungen aller Arten einen „natürlichen Schutz“ genossen vor ausländischem Einfluss durch die geographische Distanz. Diese Annahme war auch noch während des kraftvollen Wachstumsschubs der globalen ökonomischen Integration vor dem Ersten Weltkrieg plausibel und sogar bis in die 1970er als eineoberflächliche Integration – das ist der Handel mit Rohstoffen, Waren und Dienstleistungen zwischen unabhängigen Firmen und durch internationale Bewegungen des Kapitals auf „arm’s length“ – die Norm. Diese oberflächliche Integration hatten wohl Marx und Engels – die ersten großen Kritiker der Globalisierung – vor Augen bei ihrer bewegenden Zusammenfassung des weltweiten Vorstoßes des Kapitalismus Mitte des 19. Jahrhunderts. „Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen“, schrieben sie und fügten hinzu, dass die Kapitaleigentümer die Agenten eines Kosmopolitanismus geworden sind. „Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander“ (Marx und Engels 1972: 465f).

Das System des Turbokapitalismus unterscheidet sich von diesem von Marx und Engels gezeichneten Bild, besonders weil es jedermann und alles innerhalb seines Kielwassers in Prozesse vertiefter Integrationzieht. Sie erstreckt sich von sichtbarem und unsichtbarem Handel zur Produktion von Waren und Dienstleistungen mittels global verbundener Erzeugnisketten, die von transnationalen Unternehmen organisiert werden. Diese Prozesse vertiefter Integration sind, um dies zu wiederholen, hoch komplex und ungleich. Sie sind weniger ein fertiges Ergebnis, als miteinander verbundene, sehr ungleich auf Zeit und Ort verteilte Prozesse . Der Turbokapitalismus hat globalisierendeGewalten ausgelöst, wobei er noch nicht eine vollständig globalisierteWeltwirtschaft geschaffen hat, in der das Leben und der Lebensunterhalt von jeder Person auf jedem Ort der Erde aneinander gebunden und funktionell aufeinander abgestimmt sind. Turbokapitalismus führt nicht zu einem „globalen Marktplatz“, geschweige denn einem „globalen Dorf“. Er hat eine Vielfalt unterschiedlicher Auswirkungen, die von schwachen oder nicht existenten Formen der Integration bis zu einer sehr starken oder vollen Integration reichen.

An einem Ende des Kontinuums stehen ganze Völker und Regionen, die routinemäßig von der Dynamik des Turbokapitalismus ignoriert werden. Entsprechend einer Schätzung erhielten im Jahr 1913 die Länder im unteren Fünftel, gemessen am Einkommen pro Person, etwa 25 Prozent des weltweiten ausländischen Kapitals, ebenso wie die Länder des reichsten Fünftel. Im Jahr 1997 war der Anteil des ärmsten Fünftel unter 5 Prozent, das reichste Fünftel dagegen kam auf 36 Prozent . Kapitalanlage ist heute hauptsächlich eine Angelegenheit unter Reichen. Zum Beispiel fallen viele Teile Afrikas südlich der Sahara unter diese Kategorie, wo trotz florierender globaler Trends die ausländische Direktinvestition (FDI) während der 1990erzurückging und die heute nur etwa 1,4 Prozent der weltweiten Investitionen erhalten (International Federation of Journalists 2000: 1). Diese Gebiete sind Opfer einer Form kapitalistischer „legaler Apartheid“ (ein vom peruanischen Wirtschaftswissenschaftler Hernando de Soto geprägter Ausdruck, de Soto 2000: 237) und erleiden die Folgen des „toten Kapitals“, verstärkt durch die organisierte Vernachlässigung durch turbokapitalistische Investoren. Dies ist eine Welt, in der Millionen Menschen spüren, dass es nur eines gibt, was schlechter ist, als am globalen System des Turbokapitalismus teilzunehmen, nämlich von ihm übergangen zu werden. So flüchten Menschen aus autarken oder durch Gewalt zerstörten sozialen Nestern, in der Anstrengung, ihre Lebensstandards zu erhöhen, indem sie sich auf viel größeren Märkten unabhängig machen. Dies ist die ausgedehnte, hauptsächlich illegale städtische Welt der türkischen gekecondus , der haitianischenbidonvilles , der barong-barongs auf den Philippinen, von Brasiliensfavelas , des wachsenden Durcheinanders von klapprigen Hütten undsweatshops an den Stadträndern von Peking.

Wenn man sich durch ein Kontinuum bewegt, ist anderswo der Tausch über gewaltige Entfernungen zwischen einem reichem Zentrum und ärmeren peripheren Gebieten die Norm, zum Beispiel der Export von in Simbabwe abgebautem Granit für die Küchen und Badezimmer von Westeuropa. Zum anderen Ende des Kontinuums hin bricht der Turbokapitalismus durch territoriale und zeitliche Barrieren, indem er hoch komplexe und kaleidoskopische Formen der Marktintegration schafft. Diese umfassen die Fragmentarisierung von Produktionsprozessen, ihren geographischen Standortwechsel und ihre funktionale Wiedereingliederung auf globaler Ebene. Und dann gibt es schließlich einige Sektoren des ökonomischen Lebens, beispielsweise die Finanzspekulation, wie sie rund um die Uhr in Städten wie New York, London und Tokio geschieht, wo die gesamte Erde buchstäblich ein Spielplatz für das Turbokapital ist. In einem bewegenden Film aus den 1960ern versuchte Phileas Fogg, der unerschütterliche englische Gentleman, eine Wette durch die Reise um die Welt in achtzig Tagen zu gewinnen. Heute braust in den meisten globalisierten Sektoren der Weltwirtschaft das Geld in achtzig Sekunden oder weniger rund um die Welt. Revolutionäre Fortschritte in der Informatik, verbunden mit politischen Ansätzen, Hindernisse für Investition zu beseitigen, ermöglichen es privatem Kapital, über Grenzen hinweg in jeden Bereich des Lebens in einem Tempo zu dringen, das verwirrend ist für Regierungen und Entscheidungsträger aus allen Lebensbereichen. Innerhalb dieses vollständig turbokapitalistischen Sektors ist das Volumen der täglichen internationalen Devisengeschäfte von etwa US-$ 500 Milliarden im Jahr 1989 auf über US-$ 1,5 Billionen im Jahr 1997 gewachsen. Die Zahlen sind danach weiter stark angestiegen, weil praktisch die gesamte Summe (etwa 98 Prozent) für Spekulation oder kurzfristige Investition verwendet wird statt für tatsächlichen Handel oder für FDI (Khor 1998: 2). In diesen massiven grenzüberschreitenden Transfers unkontrollierten spekulativen Kapitals ist Instabilität natürlich inhärent. Die blitzartige Flucht kurzfristig investierten Kapitals aus Mexiko 1994, aus Thailand, Malaysia, Indonesien und Südkorea 1997, aus Russland und Brasilien im Jahr 1998, aus der Türkei im November 2000 und aus Argentinien im Jahr 2002 war kein Unfall. Sie zeigte vielmehr, dass globale Finanzen einem finanziellen Spielkasino ähneln, wo nervöse Anleger mit einem Mausklick ihr Geld abziehen oder es woanders hin in der Welt bewegen.

Ebenfalls neu und auffällig ist die Art, in der Firmen ihre Freiheit ausüben, um Büros, Werke und Tochtergesellschaften dort zu gründen, wo immer Kosten am niedrigsten und Gelder am sichersten zu investieren sind. Sie tun es entsprechend dem sogenannten „Prinzip niedriger Kosten und Sicherheit“. Die ersten Konturen dieses Prinzips waren schon sichtbar in den frühen 1970ern, als personalintensive Prozesse wie Nähen und das Zusammensetzen elektronischer Bauteile nach Asien, in die Karibik und in die Grenzregion von Mexiko und der USA ausgelagert wurden. Die Belegschaften, hauptsächlich dürftig bezahlte Frauen, waren damit beschäftigt, importierte Bauteile zusammenzusetzen, um sie wiederum in ihre Ursprungsländer zu exportieren. Diese neue internationale Arbeitsteilung, wie sie von Wirtschaftswissenschaftlern bezeichnet wurde, nahm die Ära des Turbokapitalismus und ihreglobalisierenden Effekte vorweg. Indem Zeit und Ort innerhalb der firmeninternen Produktionsoperationen komprimiert wurde, unterschied sie sich in einem wichtigen Punkt vom alten kapitalistischen Vorgehen, Rohstoffe aus entfernten Quellen zu beziehen. Diese Praxis, so notierte Hegel, war schon üblich in Zivilgesellschaften des frühen neunzehnten Jahrhunderts, seine Wurzeln liegen aber in der Tat viel tiefer. Die Anfänge einer Weltwirtschaft waren schon im „langen sechzehnten Jahrhundert“ (1450-1640) offensichtlich. In dieser Periode wurde der lokale und regionale Handel von Grunderzeugnissen innerhalb und zwischen mittelalterlichen Marktstädten durch Fernhandel von seltenen Artikeln und Luxusgütern ergänzt, gute Tücher und Gewürze zum Beispiel wurden herbeigeschafft aus entfernten Teilen der Welt für den lokalen Verbrauch von Eliten (s. die Studien von Wallerstein 1979 und Braudel 1984).

Der Turbokapitalismus erhält ohne Zweifel in einer höher entwickelten Form diese ältere Form von Internationalisierung von Produktion aufrecht. Darüber hinaus aber globalisiert er Produktion, indem er Hindernisse in Zeit und Ort radikal abbaut, die der Beweglichkeit von Arbeitskraft, Managementkenntnissen, Rohstoffen und Produktionstechniken, Komponenten und fertigen Erzeugnissen entgegenstehen. In den letzten Jahren ist das „Prinzip niedriger Kosten und Sicherheit“ intensiver angewandt worden, um Barrieren von Zeit und die Tyrannei der Distanz zu überwinden, sodass globale Unternehmen hoch entwickelte neueste Produktionsmethoden auf Länder übertragen, in denen der Lohn äußerst niedrig ist. Eine Anzahl von ärmeren Ländern wie Mexiko, Indien und China, ist daher jetzt mit der Infrastruktur ausgerüstet, um jede Dienstleistung oder industrielle Operation zu bewältigen, ob den telefonischen Verkauf von Flugtickets und Urlaubsreisen oder aber kapitalintensive High-Tech-Produktion von Erzeugnissen wie Computern oder Automobilen. Manchmal werden die Produkte dieser High-Tech-Produktionen vor Ort konsumiert. Coca-Cola, der Inbegriff eines turbokapitalistischen Unternehmens, hatte 1979 keine Abfüllwerke in China. Weniger als zwei Jahrzehnte später waren dort achtzehn Werke in Betrieb, die 1996 etwa 3 Milliarden Flaschen für diesen riesigen Binnenmarkt produzierten. Andere transnationale Firmen verbreiten sowohl ihre Materialien als auch fertige Erzeugnisse global. So beispielsweise das Caterpillar-Werk in Toronto, das Komponenten aus anderen Caterpillar-Fabriken, die rund um die Welt verteilt sind – Getriebe aus den Vereinigten Staaten, Achsen aus Belgien, Winden aus Brasilien, Motoren aus Japan – zusammenzieht und sie dann für den Export in zahlreiche Länder zum Fertigprodukt zusammensetzt. Darunter sind auch diejenigen, aus denen die Komponenten stammen.

Das „Prinzip niedriger Kosten und Sicherheit“ ändert die Form des Handels und der Investitionen innerhalb der globalen Zivilgesellschaft radikal. Für den Anfang werden Geschäfte nicht mehr ausschließlich innerhalb oder zwischen Territorialstaaten abgewickelt. Nicht nur werden globale Erzeugnisketten die Norm, sondern auch Handel und Investition innerhalb von Firmen werden alltäglich. Schätzungen gehen davon aus, dass mit steigender Tendenz ein Drittel des Welthandels mittlerweile der Handel zwischen den Einheiten eines globalen Unternehmens ausmacht. Solcher „Selbsthandel“ ist eine extreme Form grenzüberschreitender ökonomischer Globalisierung. Er ist in den Betrieben von General Electric offensichtlich, die wie viele andere Firmen, die über die mexikanisch-US-amerikanische Grenze tätig sind, Maschinenkomponenten zu der eigenen Tochtergesellschaft in Nuevo Laredo verschickt. Diese Art Handel innerhalb des Unternehmens wird durch so genanntes „transfer pricing“ erleichtert. Dies ist eine Praxis, bei der Unternehmen Steuern vermeiden, indem sie die Preise derart gestalten, dass sie Verluste in denjenigen Ländern maximieren, wo Steuersätze hoch sind, und umgekehrt Gewinne in Ländern am höchsten sind, wo Steuern niedrig sind, oder (wie in „Steueroasen“) wo keine Steuern zu bezahlen sind.

Die Umgehung von Unternehmenssteuern ist ein definitiver Teil der Konturen einer globalen Zivilgesellschaft, ebenso wie die Bildung einesglobalen Pools von Arbeitskräften . Wenn Unternehmen global verbundene Investitions-, Ressourcen-, Produkt- und Serviceketten bilden, müssen Arbeiter aus reicheren Ländern wie Deutschland und Frankreich sich mit solchen aus Ländern wie China, Singapur, Taiwan und Süd-Korea messen, wo Löhne niedrig und Sozialansprüche der Arbeitnehmer entweder schlecht verankert oder nicht vorhanden sind. Die Zahlen zu dieser neuen Entwicklung sind aufschlussreich: Im Jahr 1975 bestand das oberste Dutzend der Warenexporteure fast gesamt aus reichen kapitalistischen Ländern mit relativ geringen Lohngefällen. Den höchsten durchschnittlichen Stundenlohn hatte Schweden (US-$ 7,18), den niedrigsten Japan (US-$ 3), also zweieinhalb mal niedriger. 1996 hatte sich, verursacht durch die Kräfte des Turbokapitalismus, ein globaler Pool von Arbeitskräften entwickelt mit einer entsprechenden dramatischen Vergrößerung von Lohnunterschieden. Den höchsten durchschnittlichen Stundenlohn hatte Deutschland mit US-$ 31,87, den niedrigsten China (US-$ 0,31), ein hundertfaches Lohngefälle (Anderson/Cavanagh 2000: 30).

•  Märkte und Zivilgesellschaft

Die von Marktprozessen innerhalb der globalen Zivilgesellschaft verursachten sozialen Diskrepanzen haben einige Beobachter, Yoshikazu Sakamoto zum Beispiel (Sakamoto 2000: 98ff.), zweifeln lassen, ob Marktkräfte mit solch zerstörerischen Folgen in der Kategorie der globalen Zivilgesellschaft richtig aufgehoben sind. Seine Frage ist wichtig und muss angesprochen werden, und sei es nur weil sie für die starke Tendenz innerhalb der vorhandenen akademischen Literatur zur globalen Zivilgesellschaft steht, auf die ursprüngliche Gramscianische Unterscheidung zurückzugreifen zwischen der Zivilgesellschaft (dem Bereich gemeinnütziger, nicht-staatlicher Organisationen, in denen Menschen als Selbstzweck gesehen werden) und dem Markt (die Sphäre gewinnbringender und gewinnabschöpfender Warenproduktion und deren Tausch, in denen Menschen als bloßes Mittel behandelt werden).

Bei der Antwort auf Sakamoto ist es wichtig, von Beginn an sorgfältig zwischen den verschiedenen möglichen Verwendungen der Idee von der Zivilgesellschaft (s. a. Keane 1998: 36ff. und Keane 1988: Einleitung) als empirische Interpretation, strategische Berechnung und normativem Urteil zu unterscheiden . Sakamotos Argumente sind stark, aber sie verschmelzen wohl diese Unterschiede so sehr, dass seine verständlicherweise starke Abneigung der gesellschaftlichnegativen (störenden oder absolut zerstörerischen) Wirkungen der Marktkräfte innerhalb tatsächlich vorhandener Zivilgesellschaften ihn veranlassen, den Markt insgesamt aus dem Konzept der globalen Zivilgesellschaft zu verbannen. Die Überlegung greift insgeheim auf die Unterscheidung zurück zwischen „sein“ und „sollte“, um Letzteres gegen Ersteres zu verteidigen. Der Ausdruck der globalen Zivilgesellschaft wird gereinigt vom Dreck der Märkte. Sie wird dadurch zu einem normativen Utopia gemacht. Normativ gesehen wird sie zu einem „reinen“ Konzept, synonym zu Fairness, Gleichheit und öffentlichem Wohl, zu einem unverfälschten „Gut“ wie ein glitzernder, begehrter Diamant, den alle hoch schätzen, besonders wenn er auf einem weichen samtenen Kissen erlesener Wörter angeboten wird. Sakamotos normative Überlegung ist verführerisch – wer außer Brummbären, Ideologen und Gaunern könnte aus ethischen Gründen gegen eine Zivilgesellschaft in seinem Sinn sein? -, aber sie sollte aus drei Gründen abgelehnt werden.

Aus normativer Sicht impliziert dies, dass die globale Zivilgesellschaft in Zukunft ohne Geld oder Geldverkehr überleben könnte, ebenso wie die Kommunisten des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts sich naiverweise vorstellten, dass die zukünftige kommunistische Gesellschaft von solchen Attributen wie Liebe, harter Arbeit und Gegenseitigkeit zusammengehalten sein würde. Beide machen den Fehler anzunehmen, dass komplexe Gesellschaften auf komplexe Weise mit Waren und Dienstleistungen von einer nicht marktmäßigen, unsichtbaren Hand versorgt werden können, die sich in Realität als die harte Hand von Desorganisation, Hunger und Chaos herausstellen würde. Die Freunde der globalen Zivilgesellschaft müssen sich mit diesem Punkt auseinandersetzen. Sie müssen erkennen, dass trotz all ihrer bekannten Schwächen Märkte ein notwendiges Organisationsprinzip aller dauerhaften Zivilgesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart sind, und dass diese Regel sicher auch in Zukunft für die globale Zivilgesellschaft gilt, angenommen, dass sie dann noch existiert. Diese „Kein Markt, keine Zivilgesellschaft“-Regel trifft zu, weil von Erzeugnisproduktion und -tausch geprägte Wirtschaften zwei große Vorteile haben: In sozialen Verhältnissen mit vielen verschiedenen Vorlieben und Werten, die viel zu komplex sind, um für einen zentralen Plan für Ressourcenallokation berechenbar zu sein, reduzieren Marktwirtschaften kollektive Verluste. Marktkräfte garantieren tendenziell, dass Produktionsfaktoren, die nach gegenwärtigen Effizienzstandards nicht ihre Leistung bringen, stetig und oft schnell eliminiert und dann gezwungen werden, alternative und produktivere Verwendungen zu finden. Bei der Ressourcenzuweisung stellen Marktkräfte sicher, dass „nicht-marktgerechte“ Produktionsfaktoren nicht überleben. Märkte funktionieren entsprechend Abraham Lincolns Maxime, dass jene, die eine helfende Hand brauchen, nicht weiter als bis zum unteren Ende ihres rechten Arms schauen sollten. Auf diese Weise laden Märkte die Opfer von Konkurrenz dazu ein, sich selbst verantwortlich zu machen – und zu überleben, indem sie sich neuen Effizienzstandards anpassen.

Als Strategie leistet das puristische Konzept einer post-kapitalistischen globalen Zivilgesellschaft keine besseren Dienste. Wenn es das Ziel ist, die globale Zivilgesellschaft durch das Verdrängen von Marktkräften zu stärken, dann kann alles das, was mit dem Markt verbunden ist – Geld, Jobs, Arbeiter, Gewerkschaften – per Definition nicht in den Bemühungen nützlich sein, um dieses zivilisierende Ziel zu erreichen. Die Verteidigung der globalen Zivilgesellschaft ähnelt der Physik von angemessenen Beziehungen. Sie muss als Kampf gedacht werden, um die ihr vom Kapitalismus zugefügten Schäden zu reparieren, und letztlich als ein Kampf, um alle kapitalistischen Dinge „zurückzudrängen“, oder gar die Welt von ihnen zu befreien. Sonst würde das gewählte Mittel – die Verwandlung sozialer Beziehungen in eine Handelsware – das angestrebte Ziel, nämlich die Humanisierungsozialer Beziehungen, korrumpieren und potentiell überwältigen. Daher scheint es (und ist ziemlich unrealistisch), dass die globale Zivilgesellschaft nur möglich sein wird, wenn die Leute „King Money“ kippen können durch ihr Verhalten und Wirken als gute Leute, eher als Bürger denn als Marktteilnehmer. Gewerkschaften, korporative Philanthropie, Kleinunternehmen und fortschrittliche Technologien, die von lokalen und multinationalen Firmen geliefert werden, dies alles könnte oder sollte (so wird vermutet) keine Rolle im Kampf spielen, die grenzüberschreitenden sozialen Netze auszudehnen und zu intensivieren, die die globale Zivilgesellschaft ausmachen.

Letztlich wird der von Sakamoto übernommene Ansatz von einer Vielzahl starker empirischer Einwände entkräftet. Wir haben gesehen, dass beschreibende Interpretationen einer globalen Zivilgesellschaft, d.h. Versuche, ihre Konturen zu beschreiben und zu erklären, nicht mit normativen Urteilen und strategischen Berechnungen verwechselt werden sollten. Beschreibende Interpretationen beginnen, wo die Wirklichkeit selbst beginnt. Dieser Punkt ist elementar und wichtig. Ob es uns gefällt oder nicht, die Aufteilung zwischen Markt und der Zivilgesellschaft existiert nicht; der von Sakamoto angeführte Dualismus ist ein Phantom, eine schlechte Abstraktion. Produktion ist, wie Marx treffend hervorhob, immer die Aneignung der Natur innerhalb und durch eine bestimmte Form der Gesellschaft. Innerhalb von Marktrahmen greifen jene, die ihrem Geschäft nachgehen und ihre Arbeit machen, immer auf endogeneQuellen der Geselligkeit zurück. Ihre Tätigkeiten sind immer in zivilgesellschaftliche Interaktionen eingebettet, die von Normen wie Pünktlichkeit, Vertrauen, Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit, Gruppenverpflichtung und Gewaltlosigkeit „geschmiert“ werden . In den produktivsten Sektoren der globalen Zivilgesellschaft ist der Bedarf nach lebendigen und flexiblen zivilgesellschaftlichen Institutionen besonders nötig und öffentlich anerkannt. Normenbasierte Austausche und informelle, dezentrale und „flache“ sozioökonomische Organisationen – eine vernetzende Zivilgesellschaft– werden immer wichtiger, je komplexer und computerisierter die Produktion und der Vertrieb von Waren und Dienstleistungen wird. In der Tat bestätigt diese erhöhte Abhängigkeit zeitgenössischer Märkte von anderen zivilgesellschaftlichen Institutionen eine alte Regel: dass Märkte immer und überall menschliche Schöpfungen und in soziale und politische Beziehungen eingebettet sind .

Heute tendieren wir dazu, diesen Punkt zu übersehen. Wir sind geneigt, Märkte als selbstverständlich anzusehen, sie zu betrachten, als würden sie natürlich auftreten, als ob sie wie Pilze aus der Erde der „Gesellschaft“ oder der „Konkurrenz“ sprießen, oder aus dem „natürlichen“ Egoismus der Menschen. Diese Wahrnehmung war nicht immer selbstverständlich. Seinerzeit wurden Märkte als großartige Produkte menschlichen Schaffens angesehen, als Erfindungen, die das Resultat willentlicher Machtausübung sozialer und politischer Agenten sind. Betrachten Sie als einfaches, aber grundlegendes Beispiel den freien Handel über Grenzen hinweg. Obwohl heute angenommen wird, dass das Prinzip des Freihandels eine wichtige und notwendige Regel der Produktion und des Tauschs von Erzeugnissen ist, gab es Zeiten, in denen soziale Agenten für die Erweiterung von Marktprozessen über existente Grenzen hinweg kämpfen mussten. Sehen Sie sich den Kampf im Europa des neunzehnten Jahrhunderts für freien Handel an. Er begann mit voller Gewalt zwischen 1838 und 1846 mit den Kampagnen der Anti-Corn Law-Liga gegen die britischen Maispreise. Die Bemühungen der Liga breiteten sich bald über den Kanal aus. Im Jahr 1846 wurden der belgische Verband für kommerzielle Freiheit und der Freihandelsverband in Frankreich gegründet; der Weltverband für Zollreform, gegründet im Jahr 1856, setzte sich für die Schaffung eines Weltverbands ein, der aktuelle Preislisten zum Nutzen von Geschäften veröffentlichte; und während der 1860er meldeten sich so genannte „Cobden Clubs“ überall in Europa zu Wort, um freieren Handel zu erreichen .

Solche Episoden in der Geschichte von modernen Märkten implizieren eine andere Regel, nämlich dass praktische Versuche, Märkte ihrer Einbettung zu berauben, zum Scheitern verurteilt sind. Versuche, Märkte von all den sozialen Prozessen der Zivilgesellschaft zu abstrahieren und sie gegen sie zu isolieren, um sie von Solidarität, Sprache, Gelächter, Freundschaft, freier Meinungsäußerung, Familienleben und Geselligkeit zu befreien, sodass sie den Kriterien von Buchhaltern und Versicherern nach minimalem Risiko und knallhart kalkulierten Profiten und Verlusten strikt gehorchen, mag eine attraktive Vorstellung im Verstand von turbokapitalistischen Ideologen sein. Sie sind in Wirklichkeit weder die Norm noch dauerhaft. Jeder bekannte Markt, wie Karl Polanyi bekannterweise in den Origins of Our Time ausführte (1945), ist eine besondere Form der auf Geld, Produktion, Tausch und Verbrauch zentrierten,gesellschaftlich vermittelten Interaktion. Drei verschiedene, aber verwandte Schlüsse folgen hieraus: Märkte sind ein intrinsischesempirisches Phänomen, eine funktional verwebte Voraussetzung sozialer Verbindungen der tatsächlich vorhandenen globalen Zivilgesellschaft; diese globale Zivilgesellschaft, wie wir wissen und jetzt erfahren, könnte nicht für länger als einige Tage ohne die vom Turbokapitalismus entfesselten Marktkräfte erhalten bleiben; und die Marktkräfte des Turbokapitalismus ihrerseits könnten nicht für einen Tag ohne andere zivilgesellschaftliche Institutionen wie Haushalte, Wohltätigkeiten, Gemeinschaftsverbände und sprachlich geteilte soziale Normen wie Freundschaft, Vertrauen und Kooperation überleben.

Diese unzerstörbare Abhängigkeit turbokapitalistischer Märkte von anderen zivilgesellschaftlichen Institutionen hebt hervor, dass Arbeit nur eine „fiktive“ Ware ist . Während Arbeit als Ware auf den Märkten der turbokapitalistischen Wirtschaft organisiert ist, wird sie doch nicht zum Verkauf produziert. Arbeit ist in der Tat nur ein anderer Name für eine Art sozialer Tätigkeit, die letztlich nicht (weil überlappend) von sechs anderen, verschieden kombinierten Arten von zivilgesellschaftlichen Institutionen loszulösen ist: Nicht marktmäßige Formen der Produktion innerhalb von Haushalten, freiwilligen und karitativen Gruppen und andere Aktivitäten einer „parallelen Wirtschaft“; Formen der Erholung , in der Menschen wenigstens einen Teil ihrer verfügbaren Zeit mit solchen Tätigkeiten wie Sport, Reisen, Tourismus, Hobbys und (oft überlappend) in Organisationsformen der Künste und der Unterhaltung , wie Galerien, Kinos, Musik- und Tanzklubs, Theater, Lokale, Restaurants und Cafés verbringen. Zivilgesellschaftliche Institutionen umfassen aber auch dieKultivierung von Vertrautheit durch Freundschaften und Kooperationen zwischen Haushalten, sexuellem Experimentieren, Fortpflanzung und der sozialen „Ernährung“ von Säuglingen und Erwachsenen; nicht-staatliche Kommunikationsmedien wie Zeitungen und Zeitschriften, Buchhandlungen, Internetcafés, Fernsehstudios und Community-Radios; und schließlich Institutionen für die Definition und das Nähren des Heiligen , wie Friedhöfe, Orte religiöser Verehrung, Denkmäler und Standorte von historischer Wichtigkeit. Diese verschiedenen Arten nicht marktmäßiger sozialer Organisation machen deutlich, dass sowohl die globale Zivilgesellschaft als auch ihre lokaleren und regionaleren Pendants eine variable soziale Umwelt haben können. Sie kann mehr oder weniger pluralistisch, mehr oder weniger religiös, mehr oder weniger marktdominiert sein. Aber diese globale Gesellschaft kann nie, außer durch Soziozid, dem Nervenzusammenbruch des Sozialen, in einen riesigen kapitalistischen Markt verwandelt werden, in so etwas wie ein Einkaufszentrum, das von einem Ende der Erde bis zum anderen reicht.

Einige Beispiele für die Regel „Keine Zivilgesellschaft, kein Markt“ – jeweils eines aus der lokalen, der regionalen und der globalen Ebene – sollen helfen, diesen grundsätzlichen Punkt klarer zu machen. Gehen Sie am Abend in eine Taverne im Pláka-Viertel von Athen. Inmitten seiner alten Häuser und der engen, sich windenden Straßen, die den Hang zur Akropolis hinauf führen, ist die Taverne sowohl ein Geschäft als auch ein soziales Experiment, das Herz der Nacht aufzuwärmen. Definitiv kommen hier die Menschen vor dem Geld. Gäste müssen natürlich bezahlen oder Kredit haben. Sonst fliegen Wörter wie Dolche und die Polizei wird gerufen, um die Angelegenheit zu regeln. Nur gute Freunde des Eigentümers und Unglückliche aus der Gegend bekommen freie Mahlzeiten. Doch die Taverne ist nicht rein und einfach ein Geschäft. Ihre Eigentümer und Kunden kennen keine Unterscheidung zwischen Markt und der Zivilgesellschaft. Bei schummrigen Lichtern und rotierenden Ventilatoren aus Singapur, schauen viele Augenpaare in dieselbe Richtung; sie schauen ohne zu schauen. Man hört das Summen reich gestikulierenden Gesprächs, Kellner flitzen von hier nach dort, Gerüche nach gegrilltem Fleisch, Knoblauch und warmem Brot. In einer Ecke sitzt der Eigentümer, der eine Zigarette raucht und gelangweilt aussieht, er streichelt seine Nasenbrücke und trinkt den Kaffee mit seinen schillernden Blasen. In der Nähe plaudert eine Bardame mit dem Kassierer, der an einem flackernden Monitor sitzt, der Kosten und Verdienste aufzeichnet. Gäste schwätzen, lächeln, führen private Streitgespräche, flirten, rauchen, lassen Gläser klirren, reiben müde Gesichter, klatschen zum munteren Bouzouki. Tische werden abgeräumt, Tische sind gefüllt, Tische sind schmutzig; der Zyklus scheint endlos. Es gibt Momente der Stille, dann Gelächter, gefolgt vom Klappern des Bestecks, man redet von Griechenland in Europa und vom Ende der Drachme. Um Mitternacht erscheinen müde Chefköche mit triumphierendem Blick. Gäste zahlen in Ruhe. Ihnen wird gedankt und einen guten Abend gewünscht, entsprechend der Regel, dass Geld in sozialer Sitte vergraben ist.

Ein anderes Beispiel sind eingebettete Marktgeschäfte auf regionaler Ebene. Es ist von Wirtschaftswissenschaftlern und Geographen darauf hingewiesen worden, dass Unternehmen dazu tendieren, sich in Orten und Städten zu konzentrieren, die Teil einer größeren Region sind. Sie bilden regional strukturierte, gesellschaftlich eingebettete „untraded interdependencies“ (s. Storper 1997, die verschiedenen Beiträge zu Amin/Thrift 1994, Gertler und Wolfe 2002, Grabher 1993: 1ff., Cooke und Morgan 1998). Beispiele für solche prächtig gedeihenden Regionen sind Seoul-Inchon, Südkalifornien, Singapur, der M4-Korridor und die Ballungsgebiete von Stuttgart, Tokio, Paris-Sud und Mailand. Die vor kurzem geschaffenen speziellen ökonomischen Zonen (SEZs), offene Küstenstädte und prioritäre Entwicklungsbereiche in China sind weitere deutliche Beispiele. Wie Bienen um einen Bienenkorb schwärmen Firmen um solche Stellen nicht nur deshalb herum, weil es (dank reduzierter Geschäftskosten) rentabel ist, sondern weil ihre eigene Wirtschaftlichkeit die Kultivierung von dicht geknüpften soziokulturellen Bindungen („untraded interdependencies“) erfordert , die mit der Agglomeration entstehen. Das Geschäft diktiert die soziale Verknüpfung und soziale Innovation. Wirtschaftlichkeit verlangt, dass sich Firmen in die soziokulturellen Bindungen der regionalen Zivilgesellschaft einbetten; dadurch steigern sie die Dichte des Beziehungsgeflechts. Auf diese Weise wird die regionale Zivilgesellschaft ein Bienenkorb und die Außenstadt (propolis) der Geschäftstätigkeit. Unternehmen befinden, dass es die persönliche Interaktion mit Klienten, Kunden und Mitbewerbern leichter macht. Sie finden auch, dass ihr gewählter Standort soziale Räume enthält für das Sammeln der Geschäftsinformation, das Überwachen und das Behaupten von Vertrauensmustern, das Einführen gemeinsamer Regeln für die Geschäftstätigkeit und für den gesellschaftlichen Umgang mit Anderen in Klubs, Bars, Kinos, Theatern, Sportveranstaltungen, Restaurants etc. Und die regionale Zivilgesellschaft tritt als ein „technopole“ oder ein „Technikbezirk“ auf. Sie ermöglicht es den Unternehmen, ihre Kapazität für technische Innovation zu verbessern: Sie können sich besser entwickeln, Innovationen testen, aufspüren und imitieren, neue Marktlücken finden und schneller auf sich wandelnde Bedürfnisse reagieren.

Beispiele für gesellschaftlich eingebettete Marktaktivitäten auf der globalen Ebene zu finden, scheint auf den ersten Blick am schwierigsten. Viele Beobachter warnen, dass „globales Kapital“ gesellschaftlich wurzellos ist. Es wird oft als ein geldhungriges Ungetüm beschrieben, das rücksichtslos politische Grenzen zertritt und Wände sozialer Beschränkungen durchbricht, die sich in lokalen Gemeinschaften und anderen Institutionen manifestieren. Luttwak schreibt: „Cold-blooded, truly arm‘s-length and therefore purely contractual relations exemplify the entire spirit of turbo-capitalism“ (Luttwak 1999: 43). In einer ähnlichen Art beschreibt Soros das globale kapitalistische System als „a gigantic circulatory system sucking capital into the centre and pushing it out into the periphery“. Wie der frühere amerikanische Präsident Ronald Reagan, der gerne von „der Zauberei des Marktes“ sprach, leiden ihre Protagonisten an übermäßigem Glauben in die Rentabilität durch Marktmechanismen. Ihr dogmatischer „Marktfundamentalismus“ nimmt an, dass sein dominierender Wert, der in Realität überhaupt kein Wert ist, das „Streben nach Geld“ ist. Was den globalen Kapitalismus von seinen früheren Versionen unterscheidet ist „the intensification of the profit motive and its penetration into areas that were previously governed by other considerations (…). It is no exaggeration to say that money rules people‘s lives to a greater extent than ever before“ .

Diese Beschreibungen globalen Geschäfts warnen uns vor seiner Neuheit. Sie geben etwas von seinen verwegenen, Zeit und Entfernung überwindenden Tendenzen wieder, wie auch von seiner Nachgiebigkeit gegenüber der Volatilität von Überschüssen, von seinem irrationalen Überschwang und seinen spekulativen Zusammenbrüchen. Manche sind zur Sprache von Marx zurückgekehrt: „Accumulate, accumulate! This is Moses and the Prophets!“, schreiben Hardt und Negri. „There is nothing, no ‚naked life‘, no external standpoint (…), nothing escapes money. Production and reproduction are dressed in monetary clothing“ (Shiller 2000, Hardt und Negri 2000 32). Solche Beschreibungen von Turbokapitalismus sind auch ein normatives Problem: Sie weisen auf die Notwendigkeit politischer Behandlung der chronischen Tendenz von Erzeugnisproduktion und -austausch hin, die Schlösser der Zivilgesellschaft zu knacken und frei durch ihre Zimmer zu streifen wie ein Dieb in der Nacht. Turbokapitalismus ist außerordentlich gut in der Produktion, aber er scheitert elend bei der Verteilung. „As long as capitalism remains triumphant“, schreibt Soros, „the pursuit of money overrides all other social considerations (…). The development of a global economy has not been matched by the development of a global society“ (Soros 1998: 102). All diese Punkte sind heilsam, aber sie übertreiben wohl den Grad der Entbettung des Turbokapitalismus von der wachsenden globalen Zivilgesellschaft einschließlich der lokalen zivilgesellschaftlichen Lebensräume. Wir kehren noch einmal zum zentralen Punkt zurück: Kein Geschäft, inklusive globaler Geschäfte, kann ordentlich funktionieren, es sei denn, es greift auf die zivilgesellschaftliche Umgebung jenseits des Marktes zurück und nährt sich von dieser oder versucht, sich dort einzubetten.

Viele Beispiele auf der Ebene globaler Erzeugnisketten springen ins Auge. Sie alle unterstreichen zwei verwandte Punkte, nämlich dass die künstliche Unterscheidung zwischen „dem Markt“ und „der globalen Zivilgesellschaft“ ungerechtfertigt ist, weil Turbokapitalismus die Strukturen der globalen Zivilgesellschaft, innerhalb deren er abläuft, sowohl ernährt als auch stört. Es ist wichtig, diese positive und negative Dynamik zu begreifen, was durch die binäre, statische Opposition Sakamotos und anderer sicherlich nicht geschehen kann.

Auf der positiven Seite haben turbokapitalistische Unternehmen, unterstützt durch lokale und regionale Netzwerke von kleineren Firmen, mit denen sie das Geschäft machen, eine klar zivilisierende Wirkung auf die globale Zivilgesellschaft, in die sie eingebettet sind. Ihre Verhandlungen belegen dies offenkundig. Ältere Unternehmensleiter, die versuchen, Geschäfte in ausländischen Kontexten zu machen, wissen aus Erfahrung, dass sie nicht einfach anrollen und zuschlagen können wie Seeräuber auf den offenen Meeren . Wenn sie ernsthaft Geschäftsverbindungen aufbauen wollen, beispielsweise mit südkoreanischen Unternehmen, dann wissen sie, dass es bestimmte soziale Regeln gibt, die man beachten muss. Wichtig ist es, die richtigen Verbindungen am Beginn herzustellen, zum Beispiel mit der freundlichen Hilfe eines Botschafters oder des Präsidenten der Handelskammer. Ebenso sind zweisprachige Visitenkarten und ein Dolmetscher nötig. Geschäftskontakte „kalt“ anzurufen, ist sehr unklug, ebenso wie Ungeduld. Pure Berechnungen und Aufdringlichkeit sollten vermieden werden. Die goldene Regel ist, eine gute soziale Beziehung zu seinem potentiellen Partner zu etablieren. Informell, also vor und nach Geschäftszeit gesellschaftlich zu verkehren, ist ein grundsätzlicher Erfolgsfaktor, nicht gerade ein zusätzlicher Luxus. Persönliche Interaktion wird sehr hoch geschätzt, ebenso die Einhaltung des Protokolls. Verhandelt wird in der Regel in Gruppen. Die schnelle Anerkennung der vertikalen Strukturen der Gruppe, nach Alter und Geschlecht, ist ein Muss. Versuchen Sie, etwas von der Geschichte zu verstehen, die die Menschen stolz macht und von den lokalen Traditionen von Menschen, mit denen Sie zusammen arbeiten. Erwarten Sie zähe Verhandlungen, ermüdende Neuverhandlungen in letzter Minute oder Absagen. Schieben Sie nie anderen in der Öffentlichkeit die Schuld zu. Erkennen Sie, dass Uneinigkeit und Ärger wahrscheinlich hinter einem höflichen Lächeln versteckt werden. Erwarten Sie, dass schlechte Nachrichten mit höflichen oder unverbindlichen Worten, durch Änderungen des Themas oder durch niedriger gestellte Unterhändler übermittelt werden. Beachten Sie die goldene Regel, dass niemand sein Gesicht verlieren sollte.

Unternehmen, die innerhalb der globalen Zivilgesellschaft arbeiten, erhalten oder nähren ihre sozialen Codes auf andere Weisen. Zum Beispiel zeigen sie die Stärkung sozialer Bindungen durch die bekannte Praxis des corporate giving , das sich während der 1990er auf US-$ 385 Milliarden beinahe verdoppelte (Ostrower 1995; Pinter 2001: 195ff.). Die Stiftung von Bill und Melinda Gates, der Global Fund for Children´s Vaccines spricht für die Notwendigkeit, das Prinzip der noblesse oblige von Unternehmen auf globaler Ebene zu revitalisieren, indem der private Sektor „veröffentlicht“ wird. Die in den USA angesiedelte Varsavsky Stiftung, die Gelder spendete, um ein nationales Internet-Portal für Bildung in Argentinien zu schaffen, tritt für venture philanthropy ein, dessen Motto eine neue Version eines alten Sprichworts ist: Sie tun Ihren Nachbarn einen Gefallen, wenn Sie sie lehren zu angeln. Sie tun ihnen aber einen viel größeren Gefallen, wenn Sie sie lehren, wie man einen Fischereibetrieb führt . Ältere leitende Angestellte der Volkswagen AG sprechen ebenfalls zuversichtlich über ihre sozialen Pflichten. „Zivilgesellschaft ist keine Schönwetter-Vokabel“, sagen sie. „Zivilgesellschaftliche Aktivitäten sind für Volkswagen an die corporate social responsibility gebunden. Die Verantwortlichkeiten der Arbeitgeber sind nicht reiner Altruismus oder karitatives Handeln (…). Besonders unter den Bedingungen der Globalisierung hat die Zivilgesellschaft ein Recht zu wissen und zu beurteilen, welche Beiträge Arbeitgeber für den Wohlstand, Mobilitätsgarantien, technischen Fortschritt und die Schaffung neuer Arbeitsplätze leisten“ . Und Shell, deren Leistung in Nigeria einen internationalen Aufschrei verursachten, propagiert jetzt eine „dreifache bottom line“: ökonomische Überlegenheit, Umweltverträglichkeit und soziale Verantwortung.

Corporate Social Responsibility sollte mit Vorsicht analysiert werden, sei es nur aus dem Grund, dass global agierende Unternehmen unsere Wohnzimmer heute mit glühenden Image- oder „pro-sozialen“ Kampagnen einnehmen. Viele Unternehmen bedenken die Welt mit ihrem durch euphorische, hochbezahlte „Ethik-Beauftragte“ formulierten Kredo „Wir sind auch Weltbürger“ und tun ihr Bestes, um ihre (potentiellen) Kritiker von Aussagen abzuhalten, dass diese Unternehmen Achtjährige in sweatshops beschäftigen oder schamlos auf der Umwelt herumtrampeln. Einige globale Unternehmensführer sind sogar bereit, ihre Ärmel aufzukrempeln und sich mit ihren Opponenten auseinanderzusetzen. Dies passierte beispielsweise auf dem World Economic Forum 2002 in New York, wo Marktforscher von PricewaterhouseCoopers in Hotellobbys nach Gelegenheiten zu „Dialog“ suchten, und wo Geschäftsleute, oft als trojanische Pferde bezeichnet, manchmal wie NGO-Aktivisten redeten, und wo der irische Rockstar Bono mit dem Microsoft-Gründer Bill Gates plauderte, bevor ein „corporate citizen statement“ veröffentlicht wurde, dass von den Geschäftsführern und Aufsichtsratsvorsitzenden globaler Unternehmen wie Anglo-American, Siemens, Coca-Cola und McDonalds unterschrieben wurde . Manchmal versuchen globale Unternehmen stattdessen, ihren sozialen Abstand wahrend, ihre Glaubwürdigkeit „auf der Straße“ dadurch zu stärken, dass sie Public-Relations-Firmen wie Burson-Marsteller beschäftigen. Dieses weltgrößte Unternehmen arbeitet für Firmenkunden wie den Kernkraftwerkbetreiber Three Mile Island, der 1979 eine teilweise Kernschmelze hinnehmen musste, Union Carbide nach der Giftgas-Katastrophe in Bhopal, die bis zu 15.000 Menschenleben kostete, British Petrol nach dem Untergang des Öltankers Torrey Canyon im Jahr 1967. Ebenfalls zu diesen Kunden zählen heute große Tabakunternehmen und die europäische Biotechnik-Industrie .

Turbokapitalistische Unternehmen verstellen sich oft, aber es gibt keinen Zweifel daran, dass sie auf andere Weise zur Kultivierung weltweiter sozialer Beziehungen beitragen. Abgesehen von den oben erörterten „untraded interdependencies“ generieren sie auch zumindest für einige Leute Einkommen, Waren und Dienstleistungen und Jobs (50 Prozent der weltweiten Stellen in der Produktion befinden sich mittlerweile außerhalb der OECD, eine zwölffache Zunahme innerhalb von vier Jahrzehnten ). Auch produzieren diese Firmen einiges an „sozialem Kapital“ durch Ausbildung lokaler Angestellter in Fertigkeiten wie Selbstorganisation, Pünktlichkeit und vorausschauender Initiative. Die Praxis südafrikanischer Unternehmen, durch „industrielle“ Theatergruppen Mitarbeiter auszubilden und zu motivieren, illustriert auf unkonventionelle Art den Punkt: Blue Chip- Bergbauunternehmen wie Harmony Goldmines (der weltweit sechstgrößte Goldproduzent) und AngloGold haben kreative Theatergruppen wie Bluemoon und Jumping Dust (der Name bedeutet in Afrikaans Dynamit) verpflichtet, um deren Lifeaufführungen als ein dynamisches Kommunikationswerkzeug zu verwenden . Auf Pionierarbeit des brasilianischen Theaterdirektors Augusto Boal zurückgreifend, erforschen die industriellen Theaterensembles die Probleme des Unternehmens dadurch, dass sie sich mit Arbeitern, Leitern und Managern besprechen. Sie schreiben dann ein Skript, das von den Schauspielern vor den Angestellten geprobt und überarbeitet wird. Auf diese Weise werden die Angestellten ermutigt, „spect-actors“ zu werden, indem sie mitmachen und Rollen einnehmen, die geprobt werden. Sie sollen dadurch die Kunst lernen, besser mit Anderen zu kommunizieren, Probleme auszufechten, Teams zu bilden, zu üben, wie Dinge innerhalb des Unternehmens anders sein könnten und Veränderungen zu erleichtern. Dies alles geschieht innerhalb eines in hohem Maß mehrsprachigen Kontexts, in dem das Analphabetentum groß ist, aber wo es starke Traditionen gibt, in den Künsten zu partizipieren und durch das Erzählen von Geschichten und durch Gesang und Tanz zu lernen.

Turbokapitalistische Unternehmen sind auch regelmäßig damit beschäftigt, soziale Bedeutung durch Konsum zu kultivieren. Hier stoßen wir auf die ärgerliche Angelegenheit, wie man die Beziehung zwischen Tauschwert und Prestigewert, zwischen turbokapitalistischen Firmen und ihrer Werbung verstehen kann – und ob (und in welchem Sinnen) diese Werbung auch „globalisierte“ Muster von Verbrauch propagiert. Es ist offensichtlich, dass im Bereich des Einzelhandels Firmen durch Plakate, Reklametafeln und kommerzielles Radio und Fernsehen lokale Kulturen mit dem Zweck verwenden, überzeugende Welten mehr oder weniger geteilter Symbole und Ideen zu konstruieren. Der Einzelhandel durch transnationale Konglomerate ist ein besonders passendes, wenn auch politisch strittiges Beispiel dafür, wie Märkte in zivilgesellschaftliche Institutionen eingebettet sind. Neo-Gramscianische Unterscheidungen zwischen den Kämpfen im Reich der „Zivilgesellschaft“ um bedeutungsvolle Authentizität (zum Beispiel bei Nahrung, Kleidung, Sprache, Musik und Tanz) und den geldzentrierten Konflikten über Vermögen und Einkommen in der „Wirtschaft“ sind obsolet. Sie haben keine Bedeutung im Bereich von globalisierter Werbung und globalisiertem Konsum. In dem Maß, wie die globale Zivilgesellschaft von globaler Werbung geformt wird, wetteifern Prestigewerte mit Tauschwerten: Konflikte um die Erzeugung von Vermögen und Einkommen innerhalb „der Wirtschaft“ werden gleichzeitig solche über symbolische Bedeutungen (s. Ong 1999).

Die zahlreichen Argumente für und gegen eine turbokapitalistische Verbraucherkultur sind aufschlussreich. Entsprechend der Goldenen Arches Theory of Conflict Prevention sind keine zwei benachbarten Länder, die beide einen McDonalds haben, jemals gegeneinander in den Krieg gezogen. Glaubt man aber der Amerikanisierung der Welt-Theorie, so führen weltweite Werbung und Marketingstrategien zwangsläufig zu einer konturlosen, trivialisierten und homogenisierten Verbraucherkultur – das amerikanische Einkaufszentrum -, die imperialistisch ist. Beide Theorien sind nicht plausibel. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Welt durch Geschmacksmuster verbunden sind, aber (wie man in Angelegenheiten erwarten würde, die mit Taschen und Gaumen zu tun haben) diese funktionieren auf hoch komplexe Weise. Einige Geschmacksmuster wie das globale Marketing für australischen und neuseeländischen Wein (Anderson 2001) beweisen die Macht von relativ kraftlosen lokalen Ökonomien im turbokapitalistischen System. Andere Geschmacksmuster tragen die Spuren von einstmals dominierenden Ökonomien: Fußball und Mode für Männer haben, obwohl ursprünglich in Großbritannien erfunden, heute globalen Einfluss, obwohl dieses Land weder bei der Männermode noch beim Fußball führend ist. Aktuelle Versuche, Geschmacksmuster zu globalisieren, schlagen bisweilen fehl. Der Verkauf von Nahrungsprodukten wie Coke und Pepsi und amerikanischen Fernsehprogrammen in die Dörfer des südöstlichen Asiens und Mittelamerikas und in Städte wie Shanghai, Sydney, Johannesburg und Kairo zum Beispiel löst Schwierigkeiten innerhalb der globalen Zivilgesellschaft aus. Mehr als anderes haben diese Einzelhandelstrategien innerhalb der globalen Zivilgesellschaft die Wirkung gehabt, lokale kulturelle Vielfalt zu akzentuieren . Darum haben teilweise selbst gewinnorientierte, turbokapitalistische Einzelhändler es als notwendig angesehen, ihre Produkte auf lokale Konditionen und Geschmäcker zuzuschneiden. Die lokalen Verbraucher haben (darauf hat Marshall Sahlins in komischer Form hingewiesen ) eine große Kraft demonstriert, diese Erzeugnisse zu reinterpretieren, ihnen also neue und verschiedene Bedeutungen zu geben. Kellogg´s hat versucht, Inder davon zu überzeugen, den Tag mit Corn Flakes und Sugar Puffs zu beginnen. Diese jedoch verschmähten sie und bevorzugten das traditionelle heiße Parathas oder Idlis. Kentucky Fried Chicken stolzierte nach Indien, überzeugt davon, das Land für die „KFC Erfahrung“ zu gewinnen. Gedemütigt von Vegetariern und Liebhabern des Tandoori-Chickens wurde das Vorhaben auf nur einen Zweig, und zwar auf einen sehr vegetarischen reduziert. Pizza-Hut und Dominos, die Varianten anboten wie „Peppy Paneer“ und „Chicken Chettinad“ (eine Variante, die ein traditionelles Gericht aus dem Süden nachahmt) erlitten ein ähnliches Schicksal. Und McDonalds – der weltweit größte Abnehmer von Rindfleisch hat etwa 30.000 Franchise-Restaurants in 120 Ländern – weiß, was es heißt, global zu denken und lokal zu handeln: In Indien enthalten die Produkte kein Rind- oder Schweinefleisch, Mayonnaise wird ohne Eier gemacht, und sein beliebter McVeggie-Hamburger und der McAloo-Tikki-Hamburger (ein pikantes Kartoffelgericht) werden in verschiedenen Teilen der Küche gekocht, um die kleinsten Verschmutzungen zu vermeiden, die zu sinkenden Absätzen führen würden.

Turbokapitalistische Unternehmen sind nicht nur damit beschäftigt, soziale Bedeutungen zu kultivieren und auszuhandeln. Ihr Handeln ist auch im Allgemeinen Gewalttätigkeit abgeneigt und trägt aus diesem Grund zu einer Zivilität bei, die die globale Zivilgesellschaft nährt. Es trifft zu, dass einige Unternehmen in bestimmten Kontexten schlechte Leistungen aufweisen, indem sie mit der Gewalttätigkeit von politischen oder waffenstarrenden Autoritäten zusammenstecken, die darauf versessen sind, ihre Opponenten und die Zivilgesellschaft selbst zu zerstören, wie dies vor der Revolution gegen Apartheid in Südafrika der Fall war oder wie es die globale Industrie der Handfeuerwaffen weiterhin tun. Es gibt sogar globale Geschäftstätigkeiten wie den Diamanten- und Kokainhandel, die mittels mordgieriger Netzwerke von Guerillaarmeen und bewaffneten Schlägern funktionieren. Die meisten globalen Geschäfte jedoch teilen ein gemeinsames, langfristiges Interesse an der Ausrottung der Gewalt. Vorstandsvorsitzende arbeiten zum Beispiel nicht gerne in der Nähe von Knieschüssen, Entführungen oder Morden. Sie schaudern bei Geschichten von leitenden Mitarbeitern, die gezwungen worden sind, mit Kapuzen auf einem Betonboden zu sitzen, in Lastwagen verpackt oder mit verbundenen Augen über schlammige Felder zu laufen, während Gewehrläufe auf sie gerichtet sind. Einige Unternehmen (beispielsweise Wellington Underwriters und Kroll Associates) spezialisieren sich sogar darauf, Geld zu verdienen, indem sie gegen das Risiko versichern oder einen globalen Dienst gegen Kidnapping anbieten . Im Allgemeinen wird dasjenige Geschäft, das die Freiheit verlangt, das Risiko abwägt und dauerhaft kalkulierbar machen will, erschwert oder unmöglich gemacht, wenn Gewalt droht. Daher sind Investitionen in Zonen unzivilen Kriegs wie in Sierra Leone, Angola, dem Südsudan und in Teilen des früheren Jugoslawiens chronisch niedrig oder nicht existent.

Zuletzt müssen auf der positiven Seite diejenigen Beiträge des globalen Geschäfts erwähnt werden, die der „Verdichtung“ derjenigen Kommunikationsnetze dienen, die auch die Operationen gemeinnütziger Organisationen und Netzwerke globaler Zivilgesellschaft ermöglichen. Unter den Bedingungen der Moderne waren in der Regel eher Staaten als globales Wirtschaftshandeln Erfinder oder erste Nutzer neuer Transport- und Kommunikationstechniken. Während diese Regel für das World Wide Web und geostationäre Satelliten gilt, sind anschließende neue Investitionen in diese und andere Kommunikationstechnologien normalerweise marktorientiert: Private Investitionen fließen dorthin, wo die Renditen hoch sind, und sie können hoch sein im Bereich der Kommunikationstechnologien. Die kommerzielle Einführung von Techniken wie Softwaresystemen, Großraumflugzeugen, Glasfaseroptik, Supertankern und Frachtcontainern (sie ermöglichen das sichere Umladen von einer Art des Transports zu einer anderen) hat mehrere kumulative und revolutionäre Wirkungen. Durch gemietete Netze und solche in Privateigentum können Organisationen, groß oder klein, jetzt über gewaltige geographische Abstände operieren dank dem Wachstum von Verbindungen zwischen Ländern, regionalen zentrierten Netzwerken und globalen Telekommunikationsdienstleistungen (Langdale 1989: 501ff.). Sowohl die Betriebskosten als auch die Zeit, die Information und Gegenstände benötigen, um von einem Teil der Welt zum anderen zu gelangen, haben sich stark reduziert. Distanz ist also nicht mehr ein starkes Hemmnis.

•  Ungleichheiten des Marktes

Während das Wachstum marktorientierter Kommunikation innerhalb der globalen Zivilgesellschaft die Welt „verkleinert“, entwickelt sich diese Kontraktion von Raum und Zeit äußerst ungleich. Geformt wie ein schlanker Tintenfisch, der eine Hälfte des Globus in seinen Fängen hält, sind einflussreiche Städte gemeinsam mit mächtigen nationalen Wirtschaften und weltumspannenden Firmen zusammengefasst, als ob sie Teil desselben Körpers sind. Aber während bestimmte Orte und Menschen zum Kopf und zu den Augen und zu den Tentakeln der globalen Zivilgesellschaft werden, sind ganze geographische Regionen und ganze Völker, viele Millionen Menschen ausgeschlossen und gehen verloren zwischen den dünnen Tentakeln der Kommunikation.

Solche Klüfte zwischen den „Kommunikationsreichen“ und den „Kommunikationsarmen“ erinnern uns daran, dass es Grenzen für die verschiedenen Wege gibt, in denen Turbokapitalismus die wertvollen sozialen Interdependenzen der auftauchenden globalen Zivilgesellschaft nährt. Jene, die Turbokapitalismus als treibende Kraft für „eine Welt“ loben, erzählen leider nur die Hälfte der Geschichte. Er ist daneben auch eine widersprüchliche und störende Gewalt innerhalb globaler Zivilgesellschaft.

Es kann sein, dass jene, die derzeit für „Antikapitalismus“ eintreten, naiv in ihren Analysen sind und wenig brauchbare Lösungen anbieten, aber sie weisen auf den zentralen Punkt hin: Ökonomien produzieren, wenn sie allein ihre eigenen Werkzeuge benutzen, große soziale Ungleichheiten und tendieren auf diese Art dazu, die Strukturen der Zivilgesellschaft zu zerstören, in die sie eingebettet sind, und von der ihre Reproduktion abhängt. Ein offensichtliches Beispiel ist die Art, wie die Wirtschaftseinheiten der globalen Zivilgesellschaft das ausüben, was C.B. Macpherson einmal „extraktive Macht“ über ihre Arbeiter und andere Abhängige genannt hat. Sie manifestiert sich zum Beispiel in der Praxis, tageweise ein- und auszustellen und der Fähigkeit, ruinös niedrige Löhne zu zahlen, die von den Arbeitern akzeptiert werden müssen, wollen sie den Job bekommen (Macpherson 1973).

Turbokapitalistische Geschäfte haben auch die Macht, das Leben anderer zu beinträchtigen oder gar zu ruinieren durch Beschlüsse, hier und nicht dort zu investieren, oder die Investments von hier nach dort zu verlagern. Auf diese Art wird sichergestellt, dass unsere Welt voll von überstrapazierten und arbeitslosen Menschen und von außergewöhnlicher Entsagung und atemberaubender Ungleichheit gekennzeichnet ist (Sen 2000). Der profithungrige, spekulative Impuls von Kapitalmärkten ist ein eng verwandtes, besonders beunruhigendes Beispiel. Hoch riskante, „hot money“-Spekulationen produzierten im Sommer 1931 eine Serie von ansteckenden finanziellen Krisen und beendeten den letzten langen Zyklus ökonomischer Globalisierung. Ähnliche Sorgen über die konjunkturtorpedierende Unbeständigkeit der turbokapitalistischen Wirtschaft gibt es auch heute, genährt von Irritationen an den Börsen, Schuldkrisen, korruptem Bankwesen und dem allgemeinen Unbehagen, das von Phänomenen wie der „asiatischen Grippe“, dem mexikanischen „Tequila-Effekt“ und dem ruinösen Zusammenbruch der argentinischen Wirtschaft ausgelöst wird. Solche Phänomene erzeugen Misstrauen und Nervosität. Viele befürchten, dass das Finanzsystem unserer Welt, so wie es Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IMF) und die Weltbank verwalten, stark dazu neigt zusammenzubrechen, weil ihm eine grundsätzliche Instabilität innewohnt: Dieses System, in welchem (nach Vereinbarung) die Summe von Außenhandelsdefiziten gleich den Überschüssen sein muss, ist auf Länder mit Außenhandelsdefiziten gerichtet. Wenn ein Land, beispielsweise Mexiko oder Thailand, sein Defizit reduziert, was normalerweise geschieht, nachdem es aus lokalen Gründen in eine Krise fällt, dann erscheint bald ein anderes Defizit woanders im System. Natürlich sind die Vereinigten Staaten die letzte Instanz innerhalb des Systems, weshalb viele fragen: Wie lange noch hat die Welt Appetit auf Amerikas Aktien und Wertpapiere? Kann der reichste Sektor der turbokapitalistischen Wirtschaft fortfahren, auf unbestimmte Zeit vom Rest der Welt zu profitieren?

Es gibt andere Probleme. Vom Turbokapitalismus unter Druck gesetzt, gebiert die globale Zivilgesellschaft, die sonst eine starke Tendenz in Richtung Polyarchie anzeigt, neue Eigentumsverhältnisse. Diese beinhalten atemberaubende Diskrepanzen in Vermögens- und Einkommensverteilung. Die Ökonomien von riesigen Firmen wie Ford und Philip Morris übersteigen das Bruttoinlandsprodukte (BIP) von Ländern wie Norwegen und Neuseeland. Inzwischen monopolisiert eine kleine Elite von Gewinnern, die „transnationale Manager-Klasse“ (Cox 1986: 204ff.) – leitende Angestellte, umherreisende Rechtsanwälte, Rockstars, Nomaden des Jet-Zeitalters, die in Penthousewohnungen an erstklassigen Standorten wie die Upper East Side von Manhattan wohnen und in toskanischen Palazzos und abgeschiedenen Orten in irischen Schlössern Urlaub machen – mehr als ihren Anteil von Vermögen und Einkommen. Das gemeinsame Vermögen der 200 reichsten Milliardäre der Welt erreichte 1999 unglaubliche US-$ 1,1 Billionen. Es war das Jahr, indem die gemeinsamen Einkommen der 582 Millionen Menschen, die in den wenigsten entwickelten Ländern lebten, US-$ 146 Milliarden oder weniger als ein Dollar pro Tag ausmachten . Nach einigen Schätzungen hat die Kluft zwischen dem ärmsten und dem reichsten Fünftel der Weltbevölkerung auf Grundlage von Daten des Gini-Koeffizienten von 1:30 (1960) auf 1:60 (1990) und schließlich 1:74 (1997) zugenommen; das Jahreseinkommen von 358 Milliardären ist jetzt äquivalent zu den ärmsten 45 Prozent der Weltbevölkerung, also fast 3 Milliarden Menschen . Ohne kraftvolle redistributive Mechanismen übt dieses Milliardärsbürgertum auf absehbare Zeit global Macht über eine Masse von Überlebenden oder Verlierern von Wohlstandsschwankungen oder Armut aus.

Wenig überraschend ist, dass Turbokapitalismus die Vorherrschaft des Marktes über die gemeinnützigen Institutionen der Zivilgesellschaft stärkt, die dazu tendieren, in solche Formen gedrängt und gezogen, verdreht und zerrissen zu werden, die die Regeln der Ansammlung und der Maximierung von Profit befolgen. Bei der Virulenz dieser Imperative der Vermarktung kann jenen verziehen werden, die in der globalen Zivilgesellschaft zuerst und an vorderster Stelle ein Produkt der Zunahme einer soeben globalisierten, neoliberalen Form des Kapitalismus sehen (s. die Einleitung zu Comaroff/Comaroff 1999: 7), da sie Trend und Ergebnis verwechseln. Die globale Zivilgesellschaft ist konstant unter dem Druck des Marktes. Einige NGOs, die früher von öffentlicher Finanzierung abhängig waren, wie die Pioneer Human Services, eine in Seattle ansässige Dienstleistungsagentur für Beschäftigung und Rehabilitation, entscheiden sich für die Eigenfinanzierung durch ihre eigenen Forprofit-Unternehmen .

Marktkräfte bewirken auch große Ungleichheiten unter INGOs – Greenpeace, mit einem jährlichen Haushaltsplan von US-$100 Millionen und der World Wildlife Fund mit US-$170 Millionen sind reicher als das UN Umweltprogramm (UNEP) und die meisten anderen staatlichen Regierungen, mit denen sie interagieren (Shaw 2000: 14), während in einigen Sektoren die entstehende globale Zivilgesellschaft lediglich der Anhang der turbokapitalistischen Wirtschaft zu sein scheint. Einige NGOs – Business-NGOs oder BINGOs – gestalten sich sogar klar als Unternehmen, indem sie kommerzielle Teilbereiche entwickeln, Headhunters beschäftigen, PR-Abteilungen einrichten, Fundraising bei Privatpersonen betreiben und Investmentstrategien entwickeln. Die saubere Aufteilung zwischen der korporativen und der NGO-Welt löst sich konsequent auf.

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* Aus: Keane, John (2003): Global Civil Society?, Cambridge University Press, Cambridge. Übersetzt von Philipp Schwertmann.

Financial Times (London), 12. Dezember 2000.

Clark (2001) und www.amnesty.org.

Vgl. beispielsweise den Report (2000/08) der Canadian Security Intelligence Service: Anti -Globalization – A Spreading Phenomenon, www.csis-scrs.gc.ca/eng/ miscdocs/200008e.html.

Unter den ersten Analysen sozialer Bewegungen, die auf globaler Ebene operieren war Melucci (1989, 1996). Vgl. ebenfalls Keck/Sikkink (1998), Smith (1997) und Rucht (2004).

Eine gute Zusammenfassung dieser Strukturen liefert Gaventa (2001).

Siehe www.tao.ca/fire/gatheer/0049.html.

Siehe www.attac.org/indexen.htm und Susan George, „Another World is Possible”, www.dissentmagazinc.org/archive/wio1/george.shtml.

Siehe www.ruckus.org.

Siehe die Einleitung des Herausgebers zu Anheier (2001: 17). Der Verlass auf Gramsci ist in Teilen der neusten Literatur bisweilen explizit, zum Beispiel in Harvey (2000: 10), wo eine Lanze gebrochen wird „for a more Gramscian view of civil society which acknowledges questions of power, sees civil society as a contested arena and acknowledges attempts by the state to penetrate and control civil society“. Dies appelliert an den toten Geist Gramscis und ist in seiner Naivität erstaunlich (vgl. meine „Introduction“ in Keane 1998: v.a. 24f). Es fällt den Neo-Gramscianern und den verschiedenen Jüngern Gramscis nicht ein, dass die Darstellung der Zivilgesellschaft ihres Meisters voll von kommunistischen Annahmen aller Art ist: Zu der Fähigkeit des durch die Partei angeführten Proletariats, den „bourgeoisen Staat“ zu demontieren und eine neue soziale Ordnung (die „regulierte Gesellschaft“) einzuführen, in der die „Zivilgesellschaft“ lediglich ein Wort der bourgeoisen Vergangenheit werden würde. Gramscis Interesse an der Zivilgesellschaft war rein opportunistisch. Seine Träumerei, die Zivilgesellschaft zu verwenden, um dieselbe abzuschaffen, setzte voraus, dass moderne Gesellschaften von einem zentralen Klassenwiderspruch gespalten werden und dass es ein privilegiertes Subjekt gibt, das dazu fähig ist, das Telos der Geschichte zu spielen. Nichts davon gehört in eine hoch entwickelte und demokratische Theorie der Zivilgesellschaft und ihr globalisierendes Potenzial.

Kumi Naidoos neueste Äußerungen entwickeln ein weniger romantisches und weiter entwickeltes Bild der globalen Zivilgesellschaft, die jedoch nach wie vor verstanden wird als ein Raum, der zwischen Kräften des globalen Marktes und verschiedenen Formen der Regierung eingekeilt ist; vgl. bspw. „The New Civic Globalism“, The Nation, 8. Mai 2000: 34ff.

Vgl. den grundlegenden Essay von Salamon (1994).

Die Versuchung, die globale Zivilgesellschaft so zu sehen, ist offensichtlich in der Einleitung zu Florini (2000: 1ff.).

Ähnliche Ansichten verteidigen Korten (1990) und Habermas (1996, Kap. 8). Die zentralen theoretischen Grenzen des (Neo-)Gramscianischen Ansatzes werden analysiert in Keane (1998: 15ff.).

Der Begriff „Turbokapitalismus“ ist übernommen von Luttwak (1999). Es wird deutlich werden, dass meine stichhaltige Beschreibung der Auswirkungen des Prozesses sich sehr von Luttwak unterscheiden.

Nach einer bestimmten Zählmethode gab es 1945 um die 80 IGOs. 28 wurden zwischen 1950 und 1954 gegründet, 30 in den fünf Jahren bis 1959, und 33 in den darauffolgenden fünf Jahren. 1980 gab es schätzungsweise 621 IGOs.

Relevante Daten sind zusammengefasst in United Nations Commission on Transnational Corporations (1978: 211) und in Held/McGrew (2000: 25).

Die nützliche Unterscheidung zwischen „oberflächlicher Integration“ und „tiefer Integration“ ist von Dicken (2000: 5).

Matthew Bishop: Capitalism and its Troubles. In: The Economist (London), 18. Mai 2002: 25

Diese großen Unterschiede sind natürlich auf viel längere Arbeitszeiten zurückzuführen (manchmal bis zu 80 Stunden pro Woche) und auf schlecht geschützte Arbeitsbedingungen in den Niedriglohnsektoren der globalen Ökonomie.

Die unglückliche (Neo-Gramscianische) Unterscheidung zwischen Markt und Zivilgesellschaft wird diskutiert in Keane (1981), vor allem Kap. 3 und 4. (s. a. O’Neill 1998).

Die Spannung innerhalb des systemtheoretischen Verständnisses von Zivilgesellschaft, auf die Jeffrey C. Alexander hinweist, ist in diesem Punkt instruktiv (s. seine Einleitung zu Alexander 1998). Er besteht auf die Notwendigkeit, zwischen den aktuellen Subsystemen der Zivilgesellschaft (organisiert von der öffentlichen Meinung, von Demokratie und Zivilität) und dem „instrumental, self-oriented individualism institutionalised in capitalist market life“ (Alexander 1998: 8) zu unterscheiden. Die räumliche Metapher, die diesem Ansatz innewohnt, führt zu dem Schluss, dass die Beziehung zwischen Zivilgesellschaft und dem Markt am besten analysiert ist als „facilitating inputs, destructive intrusions, and civil repairs“ (Alexander 1998: 8). Ein paar Zeilen weiter verläßt Alexander praktisch diesen Ansatz, wenn er sich auf Marx’ These von der Sozialisation der Produktion beruft. Diese These sieht die Märkte als das zentrale Organisationsprinzip moderner Zivilgesellschaft. Es lässt die Möglichkeit zu, dass kapitalistische Marktaktivität „supplies the civil sphere with facilities like independence, self-control, rationality, equality, self-realization, cooperation, and trust“ (ebd.). Schon allein um des „Realismus“ willen – darauf baut auch Alexander seine Argumentation – verlangt die Analyse die Abkehr vom Zivilgesellschaft/Markt-Dualismus. „Realismus“ verlangt ebenfalls die Revision von Alexanders schwer normativem Bild von der Zivilgesellschaft. Zweifel an dem Purismus von Alexanders Bild einer Zivilgesellschaft äußert auch Pérez-Diaz (1993: 211ff.).

Eine Geschichte dieser Entwicklungen findet sich in Maccord (1958).

Polanyi (1945: 78f ): „To allow the market mechanism to be sole director of the fate of human beings and their natural environment, indeed, even of the amount and use of purchasing power, would result in the demolition of society. For the alleged commodity ‚labour power‘ cannot be shoved about, used indiscriminately, or even left unused, without affecting also the human individual who happens to be the bearer of this particular commodity. In disposing of a man‘s labour power the system would, incidentally, dispose of the physical, psychological, and moral entity called ‚man‘ attached to that tag. Robbed of the protective covering of cultural institutions, human beings would perish from the effects of social exposure; they would die as the victims of acute social dislocation through vice, perversion, crime, and starvation.”

Diese Begriffe werden entwickelt in Castells/Hall (1994) beziehungsweise Storper (1992: 60ff.).

Soros (1998: 126, 114, 102, 115f und 112f): „There is a unifying principle in the global capitalist system (…). That principle is money. Talking about market principles would confuse the issue, because money can be amassed in other ways than by competition. There can be no dispute that in the end it all boils down to profits and wealth measured in terms of money.“ Siehe auch Soros 2002.

Vgl. die Anmerkungen von Sergey Frank, einem senior partner von Kienbaum Consultants International GmbH, in „Think Confucian while Bargaining“, Financial Times (London), 30. Oktober 2001.

Martin Varsavsky, „How to Build a Dream“ in der Davos-Sonderausgabe von Newsweek (Dezember 2000/ Februar 2001), S. 86.

Aus den Anmerkungen von Reinhold Kopp, General Manager der Volkswagen AG, auf einem Kongress, der vom Deutschen Bundestag unterstützt wurde; „Die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für eine Europäische Zivilgesellschaft – Impulse, Blockaden, Herausforderungen“ (Berlin, 30. Oktober 2001).

S. den Report in der Financial Times (London), 04. Februar 2002, und Naomi Klein, „Masochistic Capitalists“, Guardian (London), 15. Februar 2002.

Guardian (London), 08. Januar 2001,S. 6. Burson-Marstellers Kundenkreis umfasst auch Staaten: Sie wurden von der Nigerianischen Regierung beauftragt, Berichte über einen Genozid während des Biafra-Krieges zu diskreditieren, von der Militär-Junta Argentiniens nach dem Verschwinden von 35.000 Zivilisten, von der Indonesischen Regierung nach den Massakern in Ost-Timor und von Herrschern mit verbesserungswürdigem Image wie die Saudische Monarchie oder der Rumänische Präsident Nicolae Ceausescu.

United Nations Development Programme (1998).

Siehe www.bluemoon.co.za und www.learningtheatre.co.za.

„Why are well-meaning Westerners so concerned that the opening of a Colonel Sanders in Beijing means the end of Chinese culture ? A fatal Americanization. But we have had Chinese restaurants in America for over a century, and it hasn’t made us Chinese. On the contrary, we obliged the Chinese to invent chop suey. What could be more American than that? French fries?” Sahlins (1999: 34); vgl. auch Sahlins (2000: 415-69).

„The Global Executive‘s Nightmare“, Financial Times (London), 25. Mai 2001.

Michael Hirsh, „Protesting Plutocracy“ in der Davos-Sonderausgabe von Newsweek (Dezember 2000/ Februar 2001): 79.

Die Daten werden zitiert in Rucht (2004).

www.pioneerhumanserv.com.

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